ADS und ADHS

Selbst Kinder mit schweren Konzentrationsproblemen sind in solchen Momenten hoch konzentriert, in denen sie von einer Sache in den Bann gezogen werden

Konzentrationsmängel von Kindern fallen tatsächlich, abhängig von ihrer Befindlichkeit und der umgebenden Situation, mal stärker und mal schwächer aus. Dieser Umstand lässt sich für den Nachhilfeunterricht nutzen: In die Lernsituation baut der Lehrer immer wieder Elemente ein, die den Schüler selbst interessieren und ihn begeistern. Dazu muss der Lehrer sich jedoch – ganz ähnlich wie bei hochbegabten Kindern – von manchen Vorstellungen lösen, wie der Unterricht formal und inhaltlich abzulaufen hat.

Anfangs steht die Suche nach Themen und Tätigkeiten im Vordergrund, die für den Schüler von Interesse sind. Befindet er sich im Bann einer solchen Sache, wird die Phase, ganz ähnlich einem körperlichen Fitnesstraining, zunehmend in die Länge gezogen. Nur, dass dieses Training eine gestärkte innere Regulation des Kindes zum Ziel hat. Denn Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten tendieren zum Ausweichen und lernen nur langsam, mit allen ihren Sinnen bei einer Sache zu bleiben.

Zwar weiß die Lehr-Lern-Forschung, dass Kinder dann am besten lernen, wenn sie selber tätig sind, selbstbestimmt lernen können und der Unterricht den Dialog auf Augenhöhe vorsieht. Schulkindern wird aber viel zu häufig ausdauerndes Sitzen abverlangt. Gerade in einem Alter, in dem der natürliche Bewegungsdrang der Kinder seinen Höhepunkt erreicht, müssen sie in der Grundschule über mehrere Stunden hinweg still sitzen und konzentriert zuhören, sollen sie dem Unterrichtsgeschehen überwiegend in der Rolle des Zuhörers und Zuschauers folgen. Darunter leiden besonders solche Kinder, die ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Bewegungsbedürfnis in sich tragen – und das sind oftmals Jungs.

Mädchen mit Konzentrationsschwierigkeiten neigen eher dazu, in innere Welten abzuschweifen. Dadurch werden sie vom Lehrer übersehen, werden seltener aufgerufen und ziehen sich infolge dessen noch häufiger in innere Welten zurück. Schlussendlich ernten sie Noten, die ihrem intellektuellen Potential nicht gerecht werden dürften. Somit gereicht auch Kindern, die der Kategorie des ADS zugeordnet werden, der klassische Frontalunterricht zum Nachteil, wiewohl sie ganz und gar nicht stören.

ADS; ADHS; Konzentration; Mangel; Regulation

Ob Kinder nun an unruhigem Verhalten oder an sogenannter Träumerei schulisch zu scheitern drohen: beiden Typen fehlen während der Schulzeit herausfordernde Beziehungs- und Erlebnisangebote, die sie in ihren Bann ziehen könnten. Was generell für alle Kinder und Jugendlichen gilt, stellt angesichts dieser strukturellen Veranlagung eine besondere Notwendigkeit dar: Heranwachsende sind über ihre soziale Natur und ihren Gestaltungswillen anzusprechen. Sie sind über echte Aufgabenstellungen ebenso wie über spannende Begegnungen mit kontaktfähigen Lehrern in das Hier und Jetzt zu holen und dort zu halten! Denn in ihrem Alter braucht der Nachwuchs die Gewissheit, für das Gemeinwesen von Wichtigkeit zu sein und wertvolle Beiträge zum Wohle aller leisten zu können.

Der künstliche, von den gesellschaftlichen Realitäten weitgehend abgelöste Schonraum Schule, der mit ausgedachten, theorielastigen Aufgabenstellungen überfrachtet ist, wirkt auf Kinder oftmals wie eine Exil auf Zeit. Und da wollen sie in einem Alter überschießender Kräfte und voll des unbändigen Wunsches nach Teilhabe nicht hin. Fühlen sie sich in ihren Bedürfnissen verstanden und stellen sich ihnen spannende Aufgaben, reagieren sie umgehend. Das hyperaktive ebenso wie das zum Träumen neigende Kind lernt bald, sein ausweichendes emotionales Verhaltensmuster phasenweise abzulegen. Das gelingt deshalb, weil nichts verpasst sein will, die Teilhabe am Geschehen über allem steht. So lernen diese Kinder mehr und mehr, ihre innere Spannungszustände zu ertragen und schlussendlich auch zu genießen.

Bei Kindern mit der Diagnose AD(H)S bewähren sich Projekte wie die folgende Auswahl: Alpenüberquerungen, längere Almaufenthalte oder Abenteuerferien, Bauprojekte oder eigenverantwortliche Lernphasen, im Rahmen derer sie ihren körperlichen und geistigen Leistungsgrenzen näherkommen. Beispielhaft soll das erfolgreiche Schulprojekte von Ulrike Kegler erwähnt werden, der Leiterin der staatlichen Montessorischule Potsdam. Ihre Erfahrungen hat sie in dem lesenswerten Buch „In Zukunft lernen wir anders“ vorgestellt.

Wir, die Bayernnachhilfe, verstehen AD(H)S in unserer Arbeit also weniger als die reparaturbedürftige Folge einer pathologischen neurobiologischen Veränderung des Kindes. Wir sehen solche Erlebens- und Verhaltensweisen als Zeichen dafür, dass diese Menschen und ihre Umgebung vor einem herausfordernden Entwicklungsschritt stehen. Vordergründig scheint es um einen Anpassungsprozess an schulische Rahmenbedingungen zu gehen; im Kern handelt es sich jedoch um die Entwicklung enorm wichtiger Fähigkeiten, die weit über das schulische Kompetenzspektrum hinausreichen. Denn ohne das Vermögen zur inneren Ausrichtung, zur Impulskontrolle, zur Regulation der Gefühle wird im Leben manches zum unüberwindlichen Hindernis geraten. Aber die gute Nachricht ist die folgende: Kinder wollen das schaffen; sie brauchen nur ein wenig Unterstützung dabei.

Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf starten unsere Lehrer in den Unterricht mit Kindern, deren Verhaltensweisen in die Kategorien von AD(H)S fallen. Lassen Sie sich unter (089) 48 99 85 36 persönlich beraten, welche Unterstützung Ihrem Kind sinnvollerweise angeboten werden kann!

 


 

P.S. In der angesehenen wissenschaftlichen Fachzeitschrift PNAS erschien am 19. September 2011 eine zumindest nachdenklich stimmende Untersuchung. Wie US-Forscher herausfanden, geht die Medikation mit Ritalin bei männlichen Makaken mit einer verzögerten Reifung der Hoden einher. Zudem war das Hodenvolumen geringer als in der unbehandelten Vergleichsgruppe. Im Laufe der Zeit, also nach mehreren Jahren, kam es zu einer Normalisierung der Werte. Gänzlich unbeantwortet bleibt die Frage, ob sich diese Befunde auf den Menschen übertragen lassen.

 

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Von | 2017-07-22T00:20:30+00:00 3. Juni 2011|0 Kommentare

Über den Autor:

Thorsten Kerbs
Thorsten Kerbs bringt als studierter Ingenieur der Luft- und Raumfahrt einen guten Blick für Struktur und Ordnung mit. Durch seine zweite akademische Qualifikation als Klinischer Psychologe sind ihm neben der Entwicklungspsychologie auch Lern- und Lehrthemen sowie Kommunikations- und Beziehungsthemen wohl vertraut. Auf dieser fachlichen Grundlage arbeitet er, der selber Vater zweier Kinder ist, seit über 10 Jahren mit Schülern und begleitet sie durch Lernthemen von der Grundschule bis zum Studium.

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