Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus gibt ein kleines Heftchen heraus, das von den Schulen etwa vierteljährlich über die Kinder an die Eltern verteilt wird. Auf rund zwanzig Seiten klopft sich die Staatsregierung selber auf die Schultern und plaudert über dies und das. In der dritten Ausgabe 2011 findet sich auf Seite 11 eine ganz erstaunliche Abkehr von bisherigen Grundfesten der bayerischen Schulpolitik. Ist das womöglich nur ein Versehen, eine Unachtsamkeit der Redaktion? Vielleicht. Womöglich wird dadurch aber auch eine schulpolitische Kontroverse offenbar, die hinter den Mauer der Institutionen mehr Staub aufwirbelt, als nach außen erkennbar wird. Dass sich sogar in Bayern langsam die Erde um die Sonne dreht, das wird zudem noch anhand eines so erfolgreichen wie revolutionären (Grund-) Schulversuchs erkennbar.

Bayern hat sich bekanntlich sehr konsequent der Idee einer frühen Selektion der Kinder verschrieben. An der Art und Weise, in der hier in der Grundschule der Übertritt erst vorbereitet und dann vollzogen wird, hat sich seit Jahren nichts Wesentliches verändert. Nun schreibt das Kultusministerium aber in der oben erwähnten Publikation das Folgende: „Während des Erwachsenwerdens kann sich der Intelligenzquotient (IQ) noch deutlich ändern, berichten die Forscher im Fachjournal ‚Nature‘. Studienautorin Cathy Prince erläuterte: ‚Wir haben die Tendenz, Kinder relativ früh im Leben zu beurteilen und ihren Ausbildungsweg festzulegen‘. Die Ergebnisse zeigten aber, dass sich die Intelligenz von Kindern noch entwickeln, ihr IQ signifikant verbessern kann. Zugleich halten leistungsstarke Kinder ihr Potenzial womöglich nicht.“

Das klingt auf den ersten Blick so, also wolle die Redaktion zu einem wissenschaftlich begründeten Rundumschlag gegen die Leitsätze der Regierung und die Arbeit des Kultursministeriums ausholen. Im nächsten Absatz zieht sie dann jedoch eine erstaunliche Schlussfolgerung: Die genannte Position würde das bayerische Schulsystem in seinen Grundfesten bestärken. Weil das nämlich so außerordentlich flexibel und durchlässig ist, wäre es genau die richtige Antwort auf den erwähnten Forschungsbefund.

Die Breitenwirkung von „Schule & Wir“ ist zu groß, als dass eine so aberwitzige argumentative Volte mit der Unerfahrenheit eines Praktikanten oder mit Gedankenlosigkeit erklärbar wäre. Wir vermuten, dass mit einer solchen Stellungnahme still und leise die Vorbereitung einer inhaltlichen Neuausrichtung des Hauses betrieben wird. In dieselbe Richtung weist noch ein weiterer Artikel derselben Ausgabe, in dem der Grundschul-Modellversuch „Flexible Grundschule“ vorgestellt wird. Der Versuch war so erfolgreich – und er widerspricht der bisherigen Selektionsstrategie so nachdrücklich –, dass man in der Staatskanzlei gut beraten wäre, davon nicht allzu viel Aufhebens zu machen. Aber im Gegenteil, man spricht begeistert über jahrgangsgemischte Klassen, flexible Durchlaufzeiten zwischen vier und fünf Jahren, über individualisierende Lernangebote. Und man ist sichtlich stolz darauf, dass der Versuch im kommenden Schuljahr um weitere 60 Schulen erweitert werden soll.

Diese Widersprüche machen nur dann Sinn, wenn die zugehörige gedankliche Linie den einen oder anderen Freund und Anhänger in den politischen Gremien hat. Und wenn das der Fall ist, dann werden wir in Bayern womöglich doch irgendwann zumindest andere Grundschulen haben. Und weil das gewiss zum Wohle der Kinder ist, können alle Eltern Hoffnung schöpfen und sich auf die Zukunft freuen. Sie bewegt sich doch. Sogar die bayerische Schulpolitik!

Bis diese Veränderungen in den Schulen ankommen und sich zum Wohle der Kinder auswirken, bis dahin unterstützen wir Sie gerne in hilreicher Weise mit Rat und Tat.

 

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