Dem Bildungsversprechen für heutige Schüler folgend, wird schulische Leistung belohnt. – Aber wer gewinnt den Wettbewerb um Lebenschancen wirklich?

Wer fleißig für die Schule lernt und mit guten Noten abschließt, so lautet das Bildungsversprechen der Leistungsgesellschaft, erhält Zutritt zu einer individuell ausgerichteten, attraktiven beruflichen Ausbildung. Und sie oder er wird sich im Anschluss daran neben einer anspruchsvollen Arbeit auch ein Auskommen erwirtschaften können. Angekündigt wird das von einer Generation, deren beruflicher Werdegang sich nach eben diesem Muster entwickelt hat. Aber wird das so auch für die nachfolgende Generation gelten, erweist sich die morgige Lebenswelt wahrhaftig als eine Kopie der vergangenen?

Hinweise darauf, dass die zukünftigen Verhältnisse komplexer aussehen werden, sind nicht zu übersehen. So behält das Mooresche Gesetze fortdauernd seine Gültigkeit, verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit der Computer bis heute alle zwei Jahre. Was uns schnellere PCs und brillante LCD-Fernseher beschert, zeigt darüber hinaus unerwartete Effekte. In Zukunft könnte es auf eine Konkurrenzsituation zwischen Mensch und Computer hinauslaufen, die sogar für den nach heutigen Maßstäben akademisch hervorragend ausgebildeten Mensch unter keinen Umständen zu gewinnen sein wird.

 

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Das Bildungsversprechen: mühevolles Lernen zahlt sich aus

Das Leistungsversprechen gerechter Gesellschaften erstreckt sich auch auf den Bildungsbereich. Es lockt den Fleißigen mit einer reichen Ernte. Je nach Voraussetzung, die uns genetisch und gewiss auch vor dem Hintergrund sozialer Einflussfaktoren mitgegeben wurde, streckt sich der eine eher handwerklich, während der andere seinen Intellekt als Arbeitsmittel einsetzt. Soweit die Theorie, die Praxis fällt mitunter nicht ganz idealtypisch aus.

Dennoch gibt es in den meisten westlichen Ländern einen Konsens darüber, dass öffentliche Mittel für eine Steigerung von Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit eingesetzt werden. Darum strengen sich schon Zweitklässler an, um gute Noten nach Hause zu bringen. Noch stärker bemühen sich vielfach Eltern um den schulischen Erfolg ihrer Kinder, denn Erwachsene werden im Arbeitsalltag mit der vollen Härte des Wettbewerbs konfrontiert und wissen, eine wie große Rolle die Startnummer im gesellschaftlichen Verdrängungswettbewerb spielt.

Ein Studium oder eine äquivalente Berufsausbildung stellen – wenn wir uns das einleitend erwähnte Versprechen ins Gedächtnis rufen – zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine notwendige Bedingung zum ökonomischen Erfolg dar. Deshalb setzen sich zahlreiche Eltern nach einem langen Arbeitstag mit ihrem Grundschulkind an den Küchentisch und üben, nicht selten gegen den vehementen Widerstand des Kindes, die übertrittsrelevanten Fächer Deutsch, Mathe und HSU. Oder sie delegieren diesen Kraftakt und nehmen die Kosten für einen (hoffentlich!) qualifizierten Nachhilfeunterricht auf sich.

Von außen betrachtet, sieht es dann erst einmal so aus, als ob immer jüngere Kinder immer früher in der Lage sind, besser zu lesen, zu rechnen oder auswendig zu lernen. Und der Blick ins Ausland zeigt, dass die Anstrengungen sogar noch weiter getrieben werden können als zur Zeit in Deutschland: bis hin zu einer regelrechten Dressur der Kinder. Dressur und Drill bedeuten, dass der Nachwuchs die anspruchsvollen Transfers nicht aus eigener Kraft beherrscht, sondern die häusliche Prüfungsvorbereitung umfassend ausfiel; so umfassend, dass selbst abseitige Aufgabenstellungen nicht überraschen, sondern reproduzierend gelöst werden können. Was wie eine eigene, kreative Leistung aussieht, ist letztendlich das Ergebnis einer vorausgegangenen Fleißübung.

Gelernt, ja – aber vielleicht das Falsche?

Fraglich bleibt, ob sich dieser Fleiß auf Dauer auszahlt. Was die heutigen Kinder in der Schule geübt haben werden, nämlich Gedächtnisleistung und Mustererkennung, beherrschen Computer heute schon weitaus besser als Menschen. Kein Großmeister vermag seit der Jahrhundertwende gegen einen Schachcomputer zu bestehen. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis der Computer eigenständig sorgfältigere Diagnosen stellt und die passenderen Therapien verordnet als dies ein menschlicher Arzt vermag. Bald dürfte auch das Investmentbanking vollständig vom Computer abgewickelt werden, agieren Autos und Flugzeuge ohne Fahrer bzw. Piloten. Um ein letztes Beispiel zu nennen: es wird aller Voraussicht nach nicht mehr allzu viel Zeit vergehen, bis die Software eine fehlerfreie Rechtsberatung zu liefern vermag.

Die Stärke des menschlichen Intellekts liegt in seiner einzigartigen Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Rahmenbedingungen, sie liegt in seiner Kreativität und in der schöpferischen Vielfalt. Kinder werden im heutigen Schulsystem jedoch konsequent dazu angehalten, geradeaus zu schauen und zu denken, sich in vorgegebenen Denkmustern zu bewegen und prüfungsbezogen enorme Mengen lexikalischen Wissens anzuhäufen. So werden heute in der Schule aus Kindern kleine Computer geformt, die auf Knopfdruck die passende logische Operationen auswählen und gespeichertes Wissen abrufen. Das wird, wenn wir an Gordon Moore und seine Vorhersage denken, sehr bald in eine Konkurrenzsituation zwischen computerähnlich tätigen Menschen und echten Computern münden. Ein, Wettbewerb, in dem die Datenverarbeitung der Zukunft hoffnungslos überlegen sein dürfte.

Die ZEIT nimmt sich dieses Themas an und titelte im Wirtschaftsteil (No. 24 vom 26.07.2014) mit „Er [der Computer] will meinen Job“. Sie prognostiziert, dass die intellektuellen Domänen des gehobenen Mittelstandes wegfallen und zu einer Sache der Datenverarbeitung werden, sodass für angehende Akademiker in diesem Szenario zahlreiche berufliche Optionen wegfallen dürften. Gerade die, mit denen in zurückliegenden Generationen der ökonomische Aufstieg gelang und aus denen gesellschaftliches Ansehen erwuchs.

Für den Computer unerreichbare Domänen des Menschen

Dabei gibt es sie, die Kompetenzbereiche des Menschen, die sich schwerlich in Programmiersprache darstellen lassen. Wo die Software für den Kranken womöglich in Sekundenschnelle die passende Diagnose findet, wird sie ihrerseits an der mitschwingenden Aufmerksamkeit eines lebendigen Gegenübers scheitern. Die physische Präsenz des empathischen Arztes als „heilendes Agens“ bleibt einzigartig. Auch mündet Lebensweisheit mitunter in fulminante Eingebungen, die sich allein aus der Summe von Einzeldatenbestände nicht ableiten ließen. Dazu passt recht gut die Einschätzung des Gründungspräsidenten der Zeppelin-Universität Stephan Jansen, der trotz aller Geschäftigkeit und Digitalisierung in den vergangenen 40 Jahren Durchbruchsinnovationen auf die Vermisstenliste setzen würde. Da Vinci, Bach und Einstein waren Menschen und keine Rechenautomaten.

Unterricht mit Zukunftswert

Was bedeutet das Gesagte für den Schulunterricht und durchaus auch für die Nachhilfe? Wenn wir die jungen Menschen auf eine Zukunft vorbereiten wollen, in der Maschinen das ihre und der Mensch das seine tut, sollten wir im Menschen das originär Menschliche zur Entfaltung bringen. Wir sollten uns dann als erstes um einen Unterricht bemühen, der bei Grundschulkindern den Fokus darauf legt, die Selbstregulation des heranwachsenden Organismus und die naturwüchsige Freude am Entdecken und Gestalten zu begleiten. In den weiterführenden Schulen gewinnen die Prinzipien der Gemeinschaft und der Verständigung mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Angstfreiheit und Ermutigung, Zugehörigkeit und Handlungsspielraum, Sinnhaftigkeit und Verantwortung. Das sind erzieherische Aspekte des Bildungsvorgangs, die sich in der inneren Haltung der Beteiligten ausdrücken. Sie lassen sich in jedem Umfeld realisieren, wenn es dazu nur die Kompetenz, eine Willenserklärung und ein gerüttelt Maß an Zeit gibt.

In den meisten bayerischen Schulen mangelt es an allen drei Punkten. Die gute Nachricht ist, dass wir in der Nachhilfesituation die Möglichkeit haben, korrigierend einzugreifen. Eine Lehrer-Schüler-Beziehung, in der der Nachhilfelehrer in pädagogisch umsichtiger Weise auf seinen Schüler eingeht, kann für die Entwicklung und das Erleben des Kindes von herausragender Bedeutung sein. Oftmals ist es gerade der Kontrast zur schulischen Unterrichtssituation, durch den die 90 Minuten der Nachhilfe ihren langfristigen Eindruck gewinnen.

Schüler, denen eine solche Begleitung zuteilwurde, haben im Kontakt mit den lehrenden Institutionen mehr als nur Selektionsdruck und an Kopfnoten orientierten Wettbewerb erlebt. Günstigenfalls gab ihnen dieser Rückhalt so viel Kraft, dass sie nicht nur unbeschädigt, sondern als leistungsfähige, auch lebensfrohe Menschen aus der Schulzeit hervorgehen. Und nicht als zweitklassige Computer.

 

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Von |2018-06-25T23:48:27+00:0026. August 2014|0 Kommentare

Über den Autor:

Thorsten Kerbs
Thorsten Kerbs bringt als studierter Ingenieur der Luft- und Raumfahrt einen guten Blick für Struktur und Ordnung mit. Durch seine zweite akademische Qualifikation als Klinischer Psychologe sind ihm neben der Entwicklungspsychologie auch Lern- und Lehrthemen sowie Kommunikations- und Beziehungsthemen wohl vertraut. Auf dieser fachlichen Grundlage arbeitet er, der selber Vater zweier Kinder ist, seit über 10 Jahren mit Schülern und begleitet sie durch Lernthemen von der Grundschule bis zum Studium.

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