Das süße Gift der Nachhilfe

Leider ist Nachhilfe bei Schulleistungskrisen keineswegs immer die Methode der Wahl, sie kann durchaus auch Schaden anrichten – weshalb wir vom „süßen Gift der Nachhilfe“ sprechen. Und keineswegs gilt immer die Regel, dass einem schlechten Schüler um so besser und nachhaltiger geholfen ist, je früher ihm Unterstützung zuteil wird. Unsere Erfahrung zeigt, dass es sogar in einer großen Zahl der Fälle klüger wäre, sich gegen außerschulischen Unterricht zu entscheiden und stattdessen erst einmal genau zu verstehen, was die Ursache der Probleme ist.

Aber damit nicht genug, die Sache erweist sich als noch komplexer als bis hierhin schon. Der scheinbar gesunde Menschenverstand führt uns nämlich in einem weiteren Punkt hinters Licht. Ist es doch so, dass ein guter Nachhilfelehrer unter keinen Umständen das tun sollte, was die meisten Menschen intuitiv von ihm erwarten: Fragen beantworten und Erklärungen liefern.

Warum ist das so und was kann im Fall nachlassender Leistungen sinnvollerweise getan werden? Antworten auf diese Fragen lesen Sie unter diesem metaphorischen Bild zum Thema des „süßen Giftes“.

 

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Zwiespältige Hilfe

Viele Eltern erinnern sich mit Grausen an eigene Schulerlebnisse voller Hilflosigkeit und Verzweiflung im Angesicht des Mathematik- oder Lateinunterrichts. Ihren eigenen Kindern möchten sie das ersparen und empfehlen deshalb sofort Nachhilfe, wenn es für das Kind in einem oder mehreren Fächern schwierig wird. Nachhilfe zu erhalten, das ist heute durch die Allgegenwart dieser Dienstleistung nicht mehr mit einem Stigma verbunden. Zumindest gefühlt erhält ohnehin fast jedes Kind Nachhilfe und der Unterricht ist zumeist auch erschwinglich, da er von jedem gegeben wird, der sich in einem Fach leidlich auskennt. So kann es aus Elternsicht nicht schaden, jemanden kommen zu lassen, der gut erklärt und alle Fragen beantwortet.

Kann es aber doch, weil der schulische Lernvorgang kein von der Persönlichkeit des Kindes isoliertes Phänomen ist, sondern direkt auf die überaus komplexe Entwicklungspsychologie aufsetzt. Deshalb ist es auch keineswegs immer gut und Kinder empfinden mitnichten automatisch Dankbarkeit, wenn ihnen Hilfe angeboten wird und plötzlich an ihrem freien Nachmittag auch noch ein Lehrer vor ihnen sitzt.

Kinder und Jugendliche lesen mit feinem Gespür zwischen den Zeilen unserer gut gemeinten Maßnahmen und ziehen daraus mitunter recht verquere Schlussfolgerungen. Und die lauten dann vielleicht gar so: „Ich schaffe es anscheinend nicht alleine, weshalb ich (immer) jemanden brauche, der mich über die Hindernisse ins Ziel trägt“, „Meine Eltern bezahlen den Unterricht, der Lehrer gibt sich erkennbar alle Mühe, und ich verstehe trotzdem nicht, was anscheinend alle Welt außer mir schon lange begriffen hat“, „Viel lieber würde ich das aus eigener Kraft verstehen und umsetzen können – das ist doch langsam echt peinlich“ …

Nachhilfe oder besser doch keine Nachhilfe?

Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, an dieser Stelle alle Aspekte einer sorgfältigen Abwägung für oder wider Nachhilfeunterricht zur Sprache zu bringen. Weil das selten genug geschieht, soll jedoch auf das Vorhandensein von unliebsamen Nebenwirkung einer gemeinhin als unkritisch bezeichneten Methode hingewiesen wird. Jede wirkungsvolle Maßnahme hat prinzipiell und ganz unvermeidlich Nebenwirkungen. Und selbst wenn eine Dienstleistung schon sehr weit verbreitet ist, sagt das noch lange nichts über ihre Wirksamkeit und deren Nutzen aus – denken wir nur an die heutige Unsitte, virale Erkältungen mit Antibiotika zu behandeln, oder an die so langlebige mittelalterliche Tradition des Aderlasses.

Wir empfehlen unseren Kunden, im Rahmen dieser Abwägung ein gutes Gespräch mit ihrem Kind zu führen. Und das bedeutet ganz praktisch: dem Kind sehr gut zuzuhören. Teilen Sie ihm aber auch in Form echter Ich-Botschaften ihre Sorgen und Befürchtungen mit, damit sie als betroffene Person erkennbar werden und es im Gespräch nicht immer nur um abstrakte schulische Leistungen geht. Formulieren Sie viele neugierige Fragen, die Ihrem Kind helfen, die eigenen Gedanken zu klären, eigene Ideen und Initiativen zu entwickeln und so aus der Ohnmacht in die Handlung zu finden. Wenn am Ende dieses Gespräches das Kind selber den Wunsch formuliert (ohne zu dieser Äußerung gedrängt worden zu sein …), „Nachhilfe wäre vielleicht eine gute Idee/das kleinere Übel“, dann liegt die Erfolgswahrscheinlichkeit des später stattfindenden Unterrichts gleich einhundert Prozent über einem Unterricht, der zwangsweise verordnet wurde.

Für Grundschulkinder und Jungs gelten besondere Regeln

Ganz besonders gut sollte man die Entscheidung für oder wider Nachhilfe bei Grundschulkindern abwägen und in der Unterstufe der weiterführenden Schule bei Jungs. Warum das? Unsere Erfahrung zeigt bei Jungs, dass die häufig mit Resignation reagieren, wenn ihnen Nachhilfe trotz ihrer mehr oder weniger stark vorgetragenen Proteste aufgezwungen wird. Sie empfinden den Zeitraum, der mit Nachhilfe einher geht, als besonders kritisch an und lehnen die Fremdbestimmung während des Unterrichtsgeschehens ab. Das kann ebenso für Mädchen gelten, bei denen das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit stark ausgeprägt ist. Allerdings kommen solche Reaktionsweisen bei ihnen rein zahlenmäßig seltener vor. Für Grundschulkinder gilt, dass ihr Selbstkonzept noch zerbrechlich ist und sie aus dem wöchentlichen Erscheinen eines Nachhilfelehrers falsche Schlüsse über sich ziehen könnten. Drum sollte gerade in ihrem Fall, wiewohl ihnen die schiere Rationalität und langjährige Lebenserfahrung für eine solche Entscheidung abgesprochen werden muss, ihre Meinung gehört werden und sollten sie gut in die Abwägung mit einbezogen werden.

Sacken nun in einer Entwicklungskrise die Noten ab und der Druck steigt, wird gerne von ihren Eltern per Dekret Nachhilfe verordnet oder sie vom schulischen Lehrer empfohlen. Das geschieht zumeist, ohne den Schüler einzubeziehen oder gar ohne sein Veto zu berücksichtigen. Im günstigen Fall spürt dies der Nachhilfelehrer im Unterricht, wenn er mit ausgeprägtem passiven Widerstand oder der Scheinkooperativität seines Schülers zu tun hat. Es kann aber auch so weit kommen, dass diese jungen Leute mit Resignation, einem einschneidenden Verlust an Selbstvertrauen oder einer passiven Grundhaltung reagieren und über kurz oder lang deshalb ihr Leistungsniveau endgültig abstürzt.

Die Ursache dafür wird dann beim Kind gesucht oder der Frustration zugeschrieben, die aus anhaltend schlechten Noten resultiert („fehlende Erfolgserlebnisse“). Dabei muss aus der Vorgeschichte der Schluss gezogen werden, dass sie eigentlich auf ein ungewolltes und nicht zum wirklichen Problem passendes Hilfsangebot zurückgegangen ist. In dem Fall hilft nur, das Rad der Ereignisse zurück zu drehen und über den Dialog und die Klärung der Verantwortlichkeit nach einer neuen und diesmal nach einer besseren Lösung für das Problem zu suchen.

Selbstwirksamkeit, oder: Echte und unechte Erfolge

Kinder haben ein feines Gespür dafür, ob ein Erfolgserlebnis auf ihr eigenes Tun zurückgeht oder ob da jemand im Hintergrund mit angeschoben hat. In der klassischen Nachhilfe, wie sie den Markt gewiss zu 90 Prozent beherrscht, sind die Nachhilfelehrer in der Regel sehr aktiv, sie dozieren und beantwortet dem Schüler alle Fragen. Der Einsatz des Nachhilfeschülers ist somit darauf beschränkt, vorgefertigte Ansätze nachzuvollziehen und Arbeitsschritte unter Anleitung und auf eine bestimmte Art und Weise durchzuführen.

Mit der Zeit treten Gewöhnungseffekte ein, die auch über die nachmittägliche Unterrichtssituation hinausreichen. Die jungen Leute passen dann auch in der Schule nicht mehr auf, wird ihnen der Stoff doch später noch einmal in leicht verdaulichen Häppchen präsentiert. Das ist zwar bequem, wird aber von der unkorrumpierbaren inneren Instanz als wenig nachhaltig erkannt. Und daraus resultierende Notenerfolge dezent mit der Marke eines unechten Erfolgs versehen.

Wenn externe Unterstützung gebucht wird, dann bitte eine gute

Aus dem bislang Gesagten muss ein wesentlicher Schluss gezogen werden: gute Nachhilfe zahlt sich durch die Fähigkeit der Lehrkraft aus, gut zuhören zu können und in einem langen und unübersichtlichen Lernprozess nie das eigentliche Ziel aus dem Blick zu verlieren. Und das muss immer die selbständige Arbeitsweise des Schülers sein und die Entwicklung seiner Fähigkeit zum möglichst eigenständigen Denken. Dieses Ziel lässt sich in der Regel nur dann erreichen, wenn der Nachhilfelehrer über die Kenntnis seines Unterrichtsfachs hinaus seine Arbeit in pädagogischer und kommunikativer Hinsicht reflektiert, z. B. im Rahmen einer regelmäßig besuchten Supervision. Denn nur wenn dem Nachhilfelehrer die Gefahren des süßen Giftes vertraut sind, kann er seine schädliche Wirkung eindämmen oder ganz verhindern.

Die Verantwortung des Nachhilfelehrers

Das entscheidende pädagogische und didaktische Handwerkszeug des Unterrichtens ist das Wissen um psychodynamische Prozesse und Entwicklungserfordernisse. Während über Binomische Formeln, Ovith und die Lyrik Gottfried Kellers gesprochen wird, sollte die Lehrkraft dies immer im Blick behalten. Das Unterrichtsgeschehen ist so zu lenken, dass alle Arbeiten (abgesehen von wenigen Ausnahmen) vom Schüler selber durchgeführt werden. Dass der Schüler die meisten gedanklichen Schlussfolgerungen selbst vollzieht und somit die als eigenen Erkenntnisgewinn verbuchen kann. Die wesentliche Aufgabe des Lehrers ist somit die, den Schüler durch passenden Fragen und Einwürfe in der Aktivität zu halten und Störungen, etwa durch aufwallende Gefühle oder versiegenden Antrieb, frühzeitig aufzufangen.

Wird diese Arbeitsweise sicher beherrscht, ist sie für Eltern daran zu bemerken, dass ihr Kind im Anschluss an die Unterrichtseinheit einen beschwingten, fast euphorischen Eindruck macht. Dieses Erleben stellt sich deshalb ein, weil das Kind – ganz anders als dies in der Regelschule der Fall ist – neunzig Minuten lang selber aktiv war, die Richtung des Lernvorgangs (zumindest mit)bestimmt hat, aus eigener Kraft gedankliche Prozesse vollzogen hat, die in relevante Erkenntnisse mündeten, und weil es die grooße Freude des dialogischen Lernens erleben durfte. (Diese Form des Unterrichtens ist eine sehr alte und wird auch als Mäeutik, die „Hebammenkunst“ des Lehrens, bezeichnet.)

Und warum ein „süßes Gift“?

Weil Nachhilfe gar zu schnell abhängig macht, und zwar alle Beteiligten: Eltern fühlen sich gut, weil die monatlichen Rechnungen psychologisch eine Art „Ablasshandlung“ darstellen kann. Fühlen sie sich angesichts der Schulkrise ihres Kindes hilflos, können sie doch zumindest organisatorischen Einsatz und nicht zuletzt einen finanziellen Beitrag leisten. Das fühlt sich in der Misere besser an als Untätigkeit, und wenn die Sache dann noch erfolgreich verläuft, kann das durchaus „abhängig“ machen. – Dann stellt sich die Frage auch nicht mehr, ob die Besserung womöglich auch ohne die Unterstützung ebenfalls eingetreten wäre.

Die Schüler erbringen ebenfalls ein Opfer, wird ihnen am Nachmittag doch freie Zeit geraubt. Immerhin können sie anschließend für sich reklamieren, einen zusätzlichen Einsatz gezeigt zu haben, nicht mehr als faul und untätig bezeichnet werden zu können. Sie haben nicht nur den halben Tag in der Schule verbracht und am Nachmittag ihre Hausaufgaben erledigt, es kommt dann sogar noch die Nachhilfe hinzu! Wer wollte ihnen vor dem Hintergrund mangelnden Einsatz vorwerfen. – Auch das weist die Struktur einer Ablasshandlung auf, angesichts derer gar nicht mehr auffällt, wenn der Schüler in der Nachhilfe auf Durchzug schaltet, dem Lehrer automatisiert die gewünschten Antworten gibt und dabei immer die Uhr im Blick behält.

Schlussendlich wird sich der Nachhilfelehrer kaum je darüber beschweren, dass seine Dienstleistung in Anspruch genommen wird, geht es doch um sein Auskommen. Er wird auch nicht zur Sprache bringen, was ihm in der täglichen Arbeit natürlich längst aufgefallen ist. Dass die sich unter der Nachhilfe verbessernde Noten nämlich keineswegs zwingend und eindeutig auf seine Unterstützung zurückzuführen ist. Die könnten nämlich ebenso gut auf die Reifung seines Schülers zurückzuführen sein, die in diesem Alter in rasantem Tempo stattfindet. Auf die wachsende emotionale Stabilität und Konzentrationsfähigkeit oder auf ganz andere Einflussfaktoren, von denen es im Leben von Schülern beileibe genügend gibt.

Aber Psssst, das bleibt bitte unter uns …  ;-))))

 

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Von | 2017-11-14T18:02:27+00:00 14. Mai 2017|0 Kommentare

Über den Autor:

Thorsten Kerbs
Thorsten Kerbs bringt als studierter Ingenieur der Luft- und Raumfahrt einen guten Blick für Struktur und Ordnung mit. Durch seine zweite akademische Qualifikation als Klinischer Psychologe sind ihm neben der Entwicklungspsychologie auch Lern- und Lehrthemen sowie Kommunikations- und Beziehungsthemen wohl vertraut. Auf dieser fachlichen Grundlage arbeitet er, der selber Vater zweier Kinder ist, seit über 10 Jahren mit Schülern und begleitet sie durch Lernthemen von der Grundschule bis zum Studium.

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