Kindern sind neurobiologisch programmierte Lernmaschinen. – Wie gelingt es da nur Schulen und Lehrern, diesen übermächtigen biologischen Plan mitunter zu stoppen? Aber es gibt auch für solche Fälle Grund zur Hoffnung: Lernfreude kehrt in entmutigte Schülern zurück, wenn sich entweder ihr Beziehungsgefüge oder die Rahmenbedingungen in günstiger Weise verändern. Vielfach genügt schon eine punktuelle Veränderung, etwa wenn die Kinder einen Freund finden, zu einem neuen schulischen Lehrer Vertrauen entwickeln oder sich von einem Nachhilfelehrer unterstützt fühlen.

Die größte Wirkung entfalten fraglos Veränderungen im Klassenzimmer, also wenn ein Kind im Unterricht vom Lehrer Beachtung erfährt. Zur Passivität neigende Kinder finden häufig unter der Voraussetzung wieder in die eigene Initiative zurück, dass ihnen Schritt für Schritt die Verantwortung für schulische Belange überlassen wird ohne dass sie dabei mit ihren Schwierigkeiten alleine gelassen werden.

Das Zeitfenster ist außerordentlich knapp: Innerhalb von rund 18 Jahren gilt es von rund 50 cm und 3000 g auf etwa 175 cm und 70.000 g zu kommen. Zudem müssen noch die Raffinesse und das Geschick entwickelt werden, sich in einer so komplexen wie kompetitiven Welt erfolgreich zu behaupten und dabei in das persönliche Glück zu finden. Damit das auch mit hoher Wahrscheinlichkeit gelingt, sind Menschkinder in diesem Zeitraum gemäß einem wohl genetisch begründeten Programm mit nichts anderem befasst, als sich körperlich, emotional und geistig-intellektuell rasant zu entwickeln.

Wie ist es vor dem Hintergrund möglich, dass es zu Null-Bock-Haltungen, Schulunlust, Schulangst und Schulverweigerung kommen kann? Das hat mit Sicherheit gute Gründe, denn es handelt sich um eine Entscheidung gegen die Schule, nicht aber gegen das Lernen als solches. Hat man doch selten von Kindern gehört, die sich konsequent gegen ihre Hobbies, das freie Spiel, gegen das „Chillen“ mit ihren Freunden, die Musik oder anderen als anregend empfundene Tätigkeiten verweigern.

Es gibt also keine faulen, dummen oder lernunwilligen Kinder. Es gibt allenfalls Kinder, die Lernschwierigkeiten im schulischen Umfeld entwickeln. Sie haben folglich kein Problem mit dem Lernen als solchem, sondern sie haben ein Anpassungsproblem: Kinder, denen es an schulbezogenem Lernengagement mangelt, haben Schwierigkeiten damit, sich an die heutige und hiesige Kultur des schulischen Lernens anzupassen.

Das Schulsystem reagiert darauf, indem es dem Schüler erst schlechte Noten und später den neuerlichen Besuch einer Jahrgangsstufe oder den Wechsel in eine weniger anspruchsvolle Schulform aufzwingt. Weil diese Lösung häufig auch bei intelligenten und neugierigen Kindern gewählt wird, deren einziges Problem in der erwähnten Anpassungsfähigkeit oder –bereitschaft liegt, muss dieser Weg der Herabstufung als undifferenziert und ungerecht angesehen werden. Eine 2009 veröffentlichte Untersuchung der Bertelsmannstiftung stellte dem Sitzenbleiben schlechte Noten aus: Eine Milliarde Euro Kosten bei gleichbleibenden schulischen Leistungen der nicht versetzten Schüler. Wobei die emotionalen Folgen der Maßnahme keinen Eingang in die Rechnung gefunden haben.

Wir gehen in diesen Fällen wie folgt vor: Wenn wir den Eindruck haben, das Kind könne das Jahrgangsziel erreichen und wäre für seine Schulform geeignet, hören wir ihm erst einmal ganz genau zu. Wir müssen verstehen, was genau dazu führt oder geführt hat, dass es nun nicht mehr willens oder in der Lage ist, sich im erforderlichen Maß anzustrengen. Wenn wir glauben verstanden zu haben, wo die Schwierigkeiten liegen, halten wir mit den Eltern und ggf. den Lehrern Rücksprache und ergreifen mit diesem Netzwerk zusammen die gebotenen Maßnahmen. Dazu gehört, dass das Kind informiert und so umfangreich wie möglich einbezogen wird.

Entmutigte Kinder sollten keinesfalls gewaltsam schulkompatibel gemacht werden. Eher ist es angeraten, sie respektvoll in einen Zustand gesteigerter Lebendigkeit und innerer Flexibilität hinein zu begleiten. Die Anpassung an die Erfordernisse des Schulsystems geschieht dann quasi nebenher.

 

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