Die fünf größten Irrtümer über Nachhilfe

Der Ruf der Nachhilfe ähnelt dem des Aspirins: Sie schadet nie und hilft fast immer. Aber so wie Medikamente nie ohne Nebenwirkungen und mögliche Schädigungen auftreten, stellt auch die Nachhilfe eine Maßnahme dar, deren Einsatz geprüft sein will und mit Vorsicht zu genießen ist. Und die Probleme enden leider nicht beim fachlich inkompetenten und pädagogisch wie sozial ungeeigneten Nerd. Rein theoretisch kann mit Blick auf die Entwicklung des Schülers auch der Einsatz des idealen Kandidaten nach hinten losgehen.

Man muss sich also der unbequemen Wahrheit stellen, dass mit professioneller Nachhilfe nicht nur Probleme gelöst, sondern über Nebenwirkungen auch zusätzliche geschaffen werden können, deren Auswirkungen schlimmstenfalls erst viel später erkennbar werden. Der Grund dafür ist die überaus komplexe Lerndynamik, Entwicklungspsychologie und das auf Beziehungsdynamiken empfindlich reagierende Gemüt von Kindern und Jugendlichen.

Um diese abstrakt klingenden Aussagen verständlicher zu machen, wollen wir im Folgenden die fünf größten Irrtümer vorstellen, die über die Nachhilfe kursieren:

1. Irrtum: Ein guter Nachhilfelehrer muss in erster Linie gut erklären

Erklären KÖNNEN, ja durchaus, er darf halt diese Fähigkeit in der Regel nicht zur Anwendung bringen. Erklärungen sollten höchsten ein Prozent der Unterrichtszeit ausmachen. Denn immer dann, wenn der Nachhilfelehrer spricht und fertiges Wissen präsentiert, wird sein Schüler davon abgehalten, selber in der Problemlösung aktiv zu sein. Und nur aus dieser Aktivität heraus entfaltet sich mit der Zeit das selbständige Denken, was wiederum die neuronalen Belohnungssysteme aktiviert, die den Antrieb die Anstrengung des Lernens liefern.

Wer seinen Schüler aufmerksam beobachtet, merkt sofort, wie sich Unruhe breit macht, wenn man selber länger als ein paar Minuten spricht. Und dann gibt es die Konstellation, in der Schüler schnell registriert haben, dass der Redefluss ihres Lehrers mit nichts zu unterbrechen ist. In dem Fall geben die jungen Leute auf und richten sich in einem passiven Zustand ein, in dem sie innerlich abschalten, gelegentlich wissend nicken und die korrekten Antworten aus der Mimik und Gestik ihres Nachhilfelehrers ablesen, um ihn zufrieden zu stellen.

Drum kann man gar nicht oft genug wiederholen, dass ein guter Nachhilfelehrer in erster Linie ein guter Zuhörer sein muss. Mit seiner Aufmerksamkeit für und der Hinwendung zum Schüler hilft er ihm, sich durch eigenes Handeln einen Überblick über die Aufgabenstellung zu verschaffen. Das schließt ein, die Fragestellung zu entschlüsseln, wichtige Aspekte von Unwichtigen zu trennen, Bezüge zum Bekannten herzustellen und zu klären, wo die Informationen zum noch Unbekannten zu finden sind. Dazu gehört weiterhin die Anleitung, wie ein innerer Dialog zu führen ist, wie man sein Arbeitstempo einbremst, wenn es fachlich schwierig wird oder wenn Erschöpfung in eine hastige Arbeitsweise mündet. Das lernt der Schüler in der Nachhilfesituation nur, wenn er über die meiste Zeit hinweg durch seinen Lehrer Gelegenheit erhält – allenfalls unterbrochen von kurzen Einwürfen – selber und selbständig zu arbeiten.

2. Irrtum: Nachhilfe kann nicht schaden

Der Begriff der Hilfe kommt überaus sympathisch rüber – was sollte denn an einer Hilfestellung problematisch sein? Zumal wenn es um Kinder geht, die in einer vielschichtigen Welt manches noch lernen müssen und aus der Erwachsenensicht des 21. frühen Jahrhunderts unablässig Hilfestellung benötigen. Nun wusste aber schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts Maria Montessori, dass Kinder einen ausgeprägten Drang in sich tragen, aus sich selbst aktiv sein zu wollen und das für ein nachhaltiges Lernen auch sein zu müssen. Insofern zielt das Hilfekonzept des klassischen Nachhilfeunterrichts, wie sie überwiegend praktiziert wird, an den Bedürfnislagen der meisten Kinder vorbei.

Viel zu wenig beachtet wird der Umstand, dass eine zu frühe, zudem noch strukturell falsch angelegte oder zu umfangreiche Unterstützung im Kind die schädliche Idee reifen lässt, es sei den Anforderungen des schulischen Unterrichts nicht gewachsen. Es meint dann, es könne ohne all diese Hilfestellung gar nicht durch die Schulzeit kommen. Und wo es während des Schuljahres von zupackenden und scheinbar allwissenden Eltern und Nachhilfelehrern umgeben ist, erscheinen ihm die Schwierigkeiten womöglich viel größer und bedeutsamer als sie tatsächlich sind.

Nachhilfe wohnt somit ein prinzipielle Risiko inne, das Selbstvertrauen und die Eigenständigkeit des Kindes zu schwächen. Wenn der Nachhilfelehrer dann noch das falsche tut, also fleißig erklärt und Fragen beantwortet, könnte sich sein Schüler angesichts von intellektuellen Anforderungen eine passiv-ängstliche Grundhaltung angewöhnen, die ihm sogar durch ein verschobenes Selbstkonzept noch nach der Schulzeit Probleme bereiten könnte.

3. Irrtum: Viel Nachhilfe hilft viel

Diesem Gedanken liegen angesichts einer komplexen Problemlage ein zu schlichtes Denken und eine übersteigerte Erlösungshoffnung zugrunde. In der physischen Welt bewirkt die Erhöhung der Dosis fast immer Vergiftungserscheinungen, und ebenso verhält es sich auch auf der psychosozialen Ebene. So bringt es die bequeme Natur des Menschen mit sich, dass Unterstützungsangebote gar zu oft den Wunsch nach noch mehr Unterstützung wecken, um die Bequemlichkeit weiter zu vergrößern.

Die Bequemlichkeit führt bei Nachhilfeschülern dazu, dass sie ab einem gewissen Umfang der wöchentlichen Nachhilfeeinheiten dazu neigen, in der Schule nicht mehr aufzupassen. Wieso sollten sie auch, sie bekommen die Themen am Nachmittag ja noch einmal ganz exklusiv und womöglich auch viel besser erklärt. Oder sie sparen sich die zeitaufwändige und anstrengende Prüfungsvorbereitung für die Nachhilfe auf. Sie bringen sich damit um die inneren Belohnungseffekte, die mit ebendieser Anstrengung einher gehen würden, was (Achtung Nebenwirkung!) sehr schnell in eine generelle Lustlosigkeit umschlagen kann.

Das alles wird durch die kommerzielle Natur dieser Dienstleistung weiter angefacht. Die meisten Nachhilfelehrer fühlen sich in der Bringschuld, möchten der Erwartung ihrer Kunden in für diese sichtbarer Weise entsprechen. Und die Kunden erwarten, wie schon weiter oben erwähnt, verständliche Erklärungen und sofortige Antworten auf alle Fragen ihrer Kinder. So neigt der klassische Nachhilfelehrer zu einem beflissenen Auftreten und einer ausgeprägten Aktivität in der Unterrichtssituation.

Viel Nachhilfeunterricht vergrößert also in vielen Fällen nicht nur die Abhängigkeit der Schüler von äußerer Unterstützung, sondern sie wirkt auch lähmend auf den inneren Antrieb der jungen Leute. Das wiederum kollidiert mit dem übergeordneten Erziehungsziel, den Schüler in seiner Reifung hin zum eigenverantwortlich handelnden Mitglied unserer Gesellschaft zu unterstützen.

4. Irrtum: Wer sich erstklassig in einem Schulfach auskennt, kann dies auch sehr gut unterrichten

Spezialisten eines Faches, zumal solche mit Spitzennoten, geht in der Nachhilfesituation häufig das Verständnis für die Langsamkeit und Verständnisprobleme des Schülers ab. Ihnen selber fiel die Erkenntnis während der eigenen Schulzeit weitgehend anstrengungslos zu oder der erforderliche Einsatz erfolgte freudig oder war gar vom Lusterlebnissen des tiefen Begreifens untermalt. Verständnisschwierigkeiten kennen solche Top-Schüler zumeist nicht aus dem eigenen Erleben, folglich mangelt es ihnen häufig an Geduld und Langmut.

Aus unserer Sicht ist es deshalb günstiger, wenn der Nachhilfelehrer für seinen Schul- oder Studienabschluss plausibel ein Ringen darlegen kann, wenn er in seiner Biographie auch auf Frustrationserlebnisses zurückkzublicken vermagund Lernschwierigkeiten für ihn keine vollkommen unbekannte Größe darstellen. Diese Voraussetzung kann übrigens durchaus auch bei hochbegabten und mit Blick auf deren schulische oder Studiennoten äußerst erfolgreiche Nachhilfelehrer erfüllt sein –wenn die ihre Lebenspfade immer so zu wählen wussten, dass an Herausforderungen und Überforderungen kein Mangel herrschte.

Festzuhalten bleibt, dass Spitzen-Absolventen der verschiedenen Fachrichtungen ohne eine geeignete pädagogisch-didaktische Ausbildung in der Nachhilfesituation dazu neigen, referierend zu unterrichten und dabei ihr Gegenüber aus dem Blick zu verlieren. Und das gilt es nach unserem Unterrichtsverständnis tunlichst zu vermeiden.

5. Irrtum: Wenn sich unter Nachhilfe die Noten verbessern, geht das auf den Nachhilfeunterricht zurück

Der Schluss liegt nahe, er bleibt jedoch nicht gerade selten ein Fehlschluss. Was damit zu tun hat, dass die Eltern der unterrichteten Kinder für den Nachhilfeunterricht einen finanziellen Einsatz bringen. Über den psychologischen Mechanismus der „Kognitiven Dissonanz“ führt das dazu, dass bessere Noten von ihnen auf den Einfluss ihrer Investition zurückgeführt werden. Nur gibt es im Nachhilfebereich praktisch keine methodisch sauberen und unabhängigen wissenschaftlichen Studien, die aus der Lernbegleitung solche Effekte herausrechnen.

So spricht bei nüchterner Betrachtung der Fakten nicht mehr ganz so viel für den Erfolg der Nachhilfe durch ungelernte Kräfte, wie uns die Hoffnung vormachen will. Denn schlussendlich reifen Kinder in intellektueller, emotionaler und sozialer Hinsicht während der Schuljahre rasant, so dass sich Probleme oftmals schon deshalb lösen (und anderen weichen), weil ihnen entwicklungsbedingt plötzlich das erforderliche Rüstzeug zur Verfügung steht. Der Erfolg geht dann auf eine neurobiologische Reifung zurück, die mit den vorangegangen Lernanstrengungen womöglich gar nichts zu tun hat.

Was folgt daraus?

Vor dem Hintergrund dieser so weit verbreiteten und immer weiter kolportierten Ansichten muss es nicht wundern, wenn Scharen von Eltern bei den ersten Schwierigkeiten ihrer Kinder ganz automatisch Nachhilfeunterricht buchen, womöglich gleich mehrfach pro Woche. Es kommen Lehrer ins Haus oder die Kinder pilgern in Unterrichtsräume, in denen sich das Lern-Drama des Vormittags mehr oder weniger identisch wiederholt und sie wieder, zumeist schweigend, den Monologen wenig inspirierter Lehrkräfte lauschen müssen. Schulkinder gewöhnen sich schnell an dieses Verfahren, zumal wenn das beruhigenden Einfluss auf ihre Eltern hat. Und da sie bis ins hohe Jugendalter überwiegend „sozial erwünscht“ handeln, trauen sie ihren eigenen Zweifeln an der Sinnhaftigkeit dieses Geschehens weniger als dem entschiedenen Auftritt der Erwachsenen. Durch Gewöhnungseffekte wächst auch bei ihnen die Angst vor nachhilfefreien Phasen, man könnte ja, oh Gott!, den Anschluss verlieren.

Schlussendlich stellt diesen Teufelskreis kaum jemand in Frage, weil sich alle Beteiligten recht gut damit arrangiert haben. Sogar, und das erstaunt fast am meisten, das institutionelle Schulsystem. Dort hört man immer wieder von Nachhilfelehrern, die in den Räumen der Schule am Nachmittag unterrichten und – man kann es kaum fassen – sich dafür vom Schüler bezahlen lassen.

Um das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, soll am Ende auch erwähnt werden, dass ein guter Nachhilfeunterricht für den Schüler durchaus eine Erlösung darstellen kann. Sei es durch den Diskurs mit dem Lehrer, der in neue Einsichten mündet. Sei es aus der Freude heraus, in der Eins-zu-eins-Situation endlich mal in Ruhe arbeiten und ungestört die eigenen Fragen stellen zu können. Sei es manchmal auch durch die besondere Qualität der Beziehung zum Lehrer, die Inspiration liefert oder intellektuelle Anregung. Es gibt sie, die notwendige, die stimmige, passende und angemessene Nachhilfe für den einen oder anderen Schüler. Es gibt sie aber nicht als Zwangsläufigkeit in jedem Fall nachlassender Schulleistungen, als universeller Automatismus und als Patentrezept. Da geht, über das ganze Land betrachtet, vermutlich mehr kaputt als dass Nutzen gestiftet wird.

Deshalb kann man nur dringend empfehlen, im Einzelfall sorgfältig zu prüfen, ob Nachhilfe für dieses Kind in seiner Schulsituation sinnvoll und notwendig erscheint und ob unerwünschte Nebeneffekte zu erwarten sind. Nicht selten lautet die Antwort, dass Abwarten die bessere Lösung ist oder auch eine ganz andere Vorgehensweise.

Rufen Sie uns an, wir helfen Ihnen, diese Frage zu klären.

 

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Von | 2017-08-31T22:20:53+00:00 5. Juni 2012|0 Kommentare

Über den Autor:

Thorsten Kerbs
Thorsten Kerbs bringt als studierter Ingenieur der Luft- und Raumfahrt einen guten Blick für Struktur und Ordnung mit. Durch seine zweite akademische Qualifikation als Klinischer Psychologe sind ihm neben der Entwicklungspsychologie auch Lern- und Lehrthemen sowie Kommunikations- und Beziehungsthemen wohl vertraut. Auf dieser fachlichen Grundlage arbeitet er, der selber Vater zweier Kinder ist, seit über 10 Jahren mit Schülern und begleitet sie durch Lernthemen von der Grundschule bis zum Studium.

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