Zu den bedeutsamen Erziehungszielen im Schulkindalter gehört die Entwicklung eines gesunden Verantwortungsgefühls. Verantwortlich handelnde Menschen sind daran zu erkennen, dass sie sich als kreative Gestalter ihres eigenen Lebens empfinden. Sie zeichnen sich laut Forschung durch die Fähigkeit zur selbständigen Entscheidung aus, sind jedoch gleichzeitig gut in die Gemeinschaft integriert. Sie äußern sich zufrieden über das in ihrem Leben Erreichte, fühlen sich selten hilflos und ohnmächtig, gehen sorgsamer mit der eigenen Gesundheit um und vermeiden es, sich selbst und Dritte durch ihr Tun zu gefährden.

Mit Blick auf die meisten Schulen muss festgestellt werden, dass den jungen Leute dort kaum Verantwortung überlassen wird. Anstatt ihnen Frei- und Erlebnisräume anzubieten, auf dass sie sich darin erproben können, sind ihre Zeitpläne so eng getaktet wie die von Berufstätigen. Treten Konflikte und Probleme auf, wird reflexhaft nach Schuldigen gesucht und greifen Sanktionen, anstatt die Klärung der Situation den Betroffenen zu überlassen und nur auf Abruf eine Prozessbegleitung anzubieten.

Vor dem Hintergrund werden wir oft gefragt, wie Eltern ihre Kindern unterstützen können, während der Schuljahre in einen verantwortlichen Umgang mit den Anforderungen des Lebens zu finden. Unsere Antwort lautet so: Sie können ihre Kinder möglichst früh und möglichst oft selber ans Steuer ihres Lebens lassen!

In einem Interview mit dem ZEIT-MAGAZIN hören wir vom Altbundeskanzler Helmut Schmidt: „Man muss lernen, dass man das zu verantworten hat, was man selbst getan hat oder tun will oder was man unterlassen hat – und zwar aus Verantwortung vor dem eigenen Gewissen.“ Schmidt bringt es auf den Punkt: Verantwortung verpflichtet im Wesentlichen nicht anderen Menschen oder Institutionen gegenüber. Vielmehr sollten wir sie so wahrnehmen, dass sie keine oder wenige störende Flecken im eigenen Gemüt hinterlässt. Wir selber sind es, die auf Dauer mit unseren Entscheidungen und Handlungen klarkommen müssen.

Wollen wir unseren Kindern das Prinzip einer unumstößlichen eigenen Verantwortlichkeit vermitteln, dann ist der Königsweg dahin, ihnen ausreichend Gelegenheit zu lassen, entsprechende Erfahrungen zu machen. Sie brauchen oft und eindrücklich das Erlebnis, welche Folgen aus welchen Handlungen resultieren. Sei das nun bei den ersten Schritten des Kleinkinds (Tischkanten!), beim Erlernen des Fahrradfahrens (Stützräder!) oder angesichts von schulischen Anforderungen (Misserfolge!). Und die Kinder selber sollten es sein, die mit den aus ihren Handlungen resultierenden Gefühlen klarkommen müssen. Leiden oder freuen sich die Eltern an ihrer statt, verliert das Erlebte die emotionale Bedeutung und wird umgehend vergessen.

Ließe unsere Gesellschaft Kindern und Jugendlichen insgesamt mehr Gelegenheit, sich im Leben auszuprobieren, dann bekämen Eltern seltener Anklagen, Beschwerden und Vorwürfe zu hören. Schulen hätten seltener mit Mobbing zu kämpfen und Vandalismus würde seltener zum Problem werden. Denn Schuldzuweisungen und Destruktivität entstehen aus dem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Und das sind Empfindungen, die Menschen im Laufe des Lebens erlernen. – Die guten Nachricht ist die, dass Erlerntes neu gelernt werden kann. Aus Hilflosigkeit vermag vor dem Hintergrund neuer Erfahrungen durchaus Initiative und aus dem Gefühl der Unzuständigkeit Verantwortlichkeit zu erwachsen.

 

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