Seit etwa 2005 wird in bayerischen Grundschulen flächendeckend ab der 3. Klasse die englische Sprache unterrichtet. Die Art und Weise, in der das geschieht, unterscheidet sich nicht wesentlich vom Sprachunterricht in den weiterführenden Schulen und ist damit meilenweit von der optimalen Lernsystematik acht- bis zehnjähriger Kinder entfernt. Wie so oft stellt sich angesichts hilfloser und überforderter Schulen den Eltern die Frage, wie sie ihren Kindern unterstützend den Einstieg in die neue Sprachwelt erleichtern können. Im Sinne eines konstruktiven Vorschlags wollen wir kurz eine familiäre Episode zum Besten geben. Und zwar wie folgt …

Zur Notwendigkeit engagierter Lehrkräfte

Ob Kinder bereit sind, sich – wie von den Erwachsenen gewünscht – systematisch lernend mit einem Thema zu befassen, hängt grob vereinfacht von zwei Faktoren ab. Zum einen sollten ihre körperlichen, emotionalen und sozialen Grundbedürfnisse weitgehend gestillt sein. Zum anderen braucht es, von ihrem Lehrer ausgehend, so etwas wie einen zündenden Funken, der auf sie überspringt. Die Person und die pädagogisch-fachliche Arbeit des Lehrers spielen also eine entscheidende Rolle dafür, ob im Schüler das Interesse wächst, über Zeiträume und Schwierigkeiten hinweg erhalten bleibt und ob sich das gebotene Maß an Selbständigkeit entwickelt.

So weit so gut. Wenn nun im ungünstigen Fall ein begnadeter Lehrer in der Schule nicht zur Verfügung steht, dann kann das in der dritten Klasse noch mit weitgehender Gelassenheit zur Kenntnis genommen werden. In diesem Alter füllen Eltern eine Art informeller Lehrerrolle aus und können schulische Mängel durchaus kompensieren – vorausgesetzt ihnen steht die dafür erforderliche Zeit zur Verfügung. Sie können durchaus einiges kompensieren, was schulisch zu kurz kommt. Denn die Dinge, mit denen sich Eltern beschäftigen, die Art und Weise, in der sie das tun, ihre Denkmuster, ihr Stil des Formulierens und Debattierens, all das wird vom Nachwuchs mit großen Augen registriert, aufgenommen und mental verwertet. Nicht immer löst das bei Eltern Begeisterung aus, ist doch nicht alles, was wir von uns geben, für die Nachahmung durch Kinder bestimmt. In Hinblick auf den Spracherwerb können wir dieses Phänomen jedoch gut nutzen. Dazu hier nun eine kleine Episode aus dem Familienalltag:

Alltagsnahes Lernen

Bei der abendlichen Zeitungslektüre las der Vater seiner Frau aus einem Kommentar das Zitat des Nobelpreisträgers Milton Friedmann vor „There is no such thing as a free lunch“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Alles, aber wirklich alles hat seinen Preis“. Inhaltlich passte das gut zur Diskussion, die von den Eltern kurz zuvor über die Natur des Menschen geführt wurde. Die im Grundschulalter befindliche Tochter versuchte im Hintergrund dieses Zitat nachzusprechen, während sie mit ihren Puppen spielte. Die Erwachsenen korrigierten die Aussprache des Kindes sporadisch, bis sie nach einigen Wiederholungen fragte, was „Sär ist nosatsch fing äsaf rilunsch“ eigentlich heißt. Es folgten dann mehrere Tage, in denen sie auf fast jede Frage der Erwachsenen mit „Sär ist nosatsch fing äsaf rilunsch“.

Die Aussprache wurde immer besser, weil das Kind spielerisch daran feilte und seine Eltern als „Korrekturautomaten“ nutze. Nun stieg ihr kleiner Bruder mit ein und bemühte sich ebenfalls darum, das mundmotorisch anspruchsvolle englische „th“ zu seiner Zufriedenheit zu artikulieren. Einige Zeit später bilanzierten die Erwachsenen überrascht das folgende: Ohne jeden Anstoß von ihrer Seite artikulieren nun beide Kinder ein sauberes englisches „th“. Hinzu kommt, dass sie seitdem verstärkt englischsprachige Lieder von CDs oder aus dem Radio nachsingen und sich angelegentlich nach einzelnen Wortbedeutungen oder Textinhalten erkundigen. Auch werden seitdem, natürlich auf einem altersangemessenen Niveau, Vergleiche zwischen unterschiedlichen Fremdsprachen hinsichtlich Sprachmelodie, Lautklängen und anderen Parametern angestellt. Die Tür zum Prinzip Mehrsprachigkeit scheint für diese zwei geöffnet zu sein.

Viele kleine Schritte anstelle eines großen

Das ist als Lehrstück darüber zu verstehen, wie kleinschrittig Kinder und mit welcher bemerkenswerten Effizienz sie aus sich selber heraus lernen. Sie klinken sich bei den Themen ein, bei denen sie auf Seiten der Erwachsenen eine emotionale Beteiligung bemerken. Dann ahmen sie, angetrieben vom Bedürfnis nach Teilhabe, selbständig nach und nehmen in der Phase sehr bereitwillig Korrekturen und Hinweise an. Im letzten Schritt entwickeln sie das Erlernte selbständig zu höheren Formen weiter und spielen mit der neuen Fertigkeit, bis sie bereit für eine weitere Verfeinerung oder neue Lerninhalte sind.

Solche Entwicklungen finden im Grundschulalter ihren natürlichsten Platz im familiären Alltag – etwa so wie sich das im obigen Beispiel ergeben hat. Eine gute Idee ist auch die, Absprachen mit Ihrem Partner, die der Nachwuchs nicht mithören muss, fremdsprachlich zu verschlüsseln. Wechseln Sie doch einfach ins Englische. Und seien Sie versichert, dass Ihr Kind von Stund an die Ohren spitzen und sehr genau zuhören wird. Bis die wesentlichen Aussagen vom Kind verstanden werden, wird es dann nicht mehr lange dauern …

 

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