Geduld – die heimliche Leiter des Erfolgs

Haben Sie schon vom Marshmallow-Experiment von Walter Mischel gehört, einem Psychologieprofessor der Stanford Universität?

Sie sollten, denn es mündete in eine lernpsychologische Erkenntnis, die mit Fug und Recht als wegweisend bezeichnet werden kann. Mischel forschte darüber, wie sich die Geduld von Kinder (bzw. die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu kontrollieren) auf den Erfolg im weiteren Leben auswirkt.

Eine Verlockung – oder doch lieber zwei!?

Vorschulkindern, die weder wussten noch altersbedingt hätten erfassen können, dass sie Teil eines Experiments sind, wurde ein Marshmallow angeboten. Aus dem könnten jedoch zwei werden, so das Angebot des Versuchsleiters, wenn sie eine Zeit lang im Raum warten würden. Ohne den vor ihnen liegenden ersten Marshmallow aufzuessen. Mit Blick auf eine solche Verlockung warten zu müssen, das stellt für die Kinder im Kindergartenalter natürlich eine Strapaze dar, die von den Probanden mehr oder weniger erfolgreich bewältigt wurde.

Frustrationstoleranz mündet in schulischen und beruflichen Erfolg

Eigentlich interessierten sich die Forscher zu Beginn ihrer Untersuchung für die Methoden und Wege, mit denen es Kindern gelingt, solche Frustrationen zu bewältigen. Erst im Laufe dieser Untersuchung wurde offenbar, dass die Wissenschaftler einem Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zur Frustrationsbewältigung und dem schulischen Erfolg auf die Spur gekommen waren. In kurze Worte gefasst, lässt sich die Erkenntnis so formulieren: Erfolg im Leben ist weniger durch Intelligenz und Durchsetzungsvermögen bestimmt, sondern er hängt in hohem Maße von der Geduld ab, zu der ein Mensch fähig ist. Erstaunlicherweise leistet bereits der im Kleinkindalter vollzogene Test eine solide Prognose für das weitere Leben der Probanden. Dieser Befund ließ ein weiteres mal offensichtlich werden, welch große Bedeutung die ersten Lebensjahre für das spätere Leben besitzen.

Geduld lässt sich lernen

Ob wir geduldig sind oder nicht, wird uns jedoch nicht in die Wiege gelegt, das Ausmaß, in dem uns Geduld zueigen ist, wird keineswegs genetisch determiniert. Ihre Ausreifung vollzieht sich im Laufe der Jahre und wird durch Bezugspersonen ebenso wie durch Rahmenbedingungen entweder befördert oder behindert. Einen günstigen Einfluss scheint, so postulieren Forschungsbefunde, die Dauer des Stillens zu haben. Eine Rolle spielen weiterhin sozioökonomische Faktoren, die Erwerbsarbeit der Eltern und das Ausmaß der Anwesenheit des Vaters im Lebensalltag des Kindes. Vereinfacht lässt sich festhalten, dass alle Anstrengungen von Eltern und Gesellschaft äußerst lohnend sind, Kindern zu mehr Geduld und Durchhaltevermögen zu verhelfen.

Der Lohn des Vorbilds

Wie aber macht man das am besten, wie vermitteln wir Kindern erfolgreich Geduld? Der pädagogische Kniff dazu ist einfach zu verstehen, während seine Umsetzung auch in der Regel mit Schwierigkeiten verbunden ist. Weil Kinder in erster Linie am Vorbild lernen, führt für Lehrkräfte und Eltern kein Weg daran vorbei, sich im Kontakt mit dem Kind selber vorbildlich in Geduld zu üben. In den ersten Lebensjahren profitieren Kleinkinder von der Zeit und Muße, die ihnen zuteil wurde. Später, während der Schuljahre, stellt es für Kinder ein Schlüsselerlebnis dar, wenn eine Lehrkraft ihnen Anspruchsvolles zutraut und das Ergebnis ohne Zeitdruck abwartet. Das gilt umso mehr in einem Bildungsumfeld, in dem Selektion allgegenwärtig ist und Stress gezielt über die Verknappung von Zeit aufgebaut wird. Geduld wird da zu einem Luxus, den sich nicht einmal liebende Eltern mehr ruhigen Gewissens leisten möchten. Ironischerweise verbaut die Gesellschaft den Heranwachsenden gerade mit dieser Hast den zukünftigen Erfolg, wie zumindest Fachleute und Bildungspolitiker eigentlich schon seit Walter Mischels Forschung in den frühen 70-er Jahren wissen müssten.

Inseln der Ruhe

Wir können zumindest festhalten, dass zum Wohle des Kindes im Lernalltag Inseln der Ruhe und Zuversicht eingebaut sein sollten. Lernenphasen sollte immer wieder von Etappen durchzogen sein, in denen die Lehrenden ein konstruktiver Umgang mit Frustrationen und hinderlichen Gefühlsaufwallungen anstreben. Denn letztlich ist Geduld nichts anderes als ein vorbildliches Gefühlsmanagement. Dafür sollte es im Umfeld des Schülers Lehrkräfte geben, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und unerschütterlich an das Kind glauben. Gibt es so eine Bezugsperson, geschieht günstigstenfalls Zweierlei: Es wird zum einen am Fachwissen gearbeitet, es werden also intellektuelle Erkenntnisse gestiftet. Darüber hinaus, und das ist fast noch entscheidender, erfährt das Kind, wie es im Lernprozess mit unangenehmen Empfindungen umgehen kann, die sich ihm während des Lernprozesses in den Weg stellen. Es wird sich dabei bewusst, wie großartig es sich anfühlt, Spannung halten und in der Ungewissheit der Abwägung verweilen zu können, anstatt von störenden Impulsen aus der Konzentration gerissen zu werden. Gute Lehrer vermitteln also eine innere Haltung, aus der heraus Ablenkungen leichter ignoriert werden können.

Anspruchsvolle Nachhilfe als Korrektiv

Gibt es keine schulische Lehrkraft, die das Kind auf dem beschriebenen Weg begleitet, hilft da idealerweise ein guter Nachhilfelehrer. Der vermittelt demzufolge ebenfalls nicht nur Fachwissen, sondern er begleitet seinen Schüler dezent auf einem persönlichen Entwicklungsweg. Wurde dieser Weg erfolgreich beschritten, bemerken Schüler dies an einem verbesserten „Sitzfleisch“, verspüren sie in sich Neugierde auf und Freude am Austausch über den Schulstoff. Plötzlich tun sich Zusammenhänge auf zwischen den Fächern und den Lebensthemen, die sie in ihrem Innersten beschäftigen.

Das Lustvolle der Erkenntnis

Die menschliche Natur belohnt die Fleißigen großzügig, indem sie körpereigene Drogen ausschüttet und sie förmlich süchtig macht nach der vertieften Beschäftigung mit interessanten Themen und Fragestellungen. Wir Erwachsenen haben es bereits erfahren, dass früher oder später, nach einigem Üben, Anstrengung zu einem freudigen Tun wird und sie plötzlich leicht von der Hand geht. So wie wie der Jogger nach einiger Zeit des Trainings nicht mehr schmerzende Muskeln spürt, sondern körperliche Entspannung und ein regelrecht rauschhaftes Erleben.

Selbstdisziplin und Geduld pflastern den Weg zur Zufriedenheit und zum Erfolg. Dieser Erkenntnis wohnt in einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft eine ganz besondere Bedeutung inne. Aber auch hier gilt, dass sich zuviel des Guten leicht ins Gegenteil verkehrt. Deshalb brauchen junge Leute auf dem Weg durch ihre Bildungsbiographie gelegentlich eine Begleitung, die ermutigt und, wo es geboten ist, ebenso auf ein ungesundes Übermaß hinweist.

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Von |2018-05-05T00:31:26+00:0013. November 2014|0 Kommentare

Über den Autor:

Thorsten Kerbs
Thorsten Kerbs bringt als studierter Ingenieur der Luft- und Raumfahrt einen guten Blick für Struktur und Ordnung mit. Durch seine zweite akademische Qualifikation als Klinischer Psychologe sind ihm neben der Entwicklungspsychologie auch Lern- und Lehrthemen sowie Kommunikations- und Beziehungsthemen wohl vertraut. Auf dieser fachlichen Grundlage arbeitet er, der selber Vater zweier Kinder ist, seit über 10 Jahren mit Schülern und begleitet sie durch Lernthemen von der Grundschule bis zum Studium.

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