Besucht Ihr Kind womöglich gerade die vierte Klasse einer bayerischen Grundschule? Dann haben Sie gewiss in den zurückliegenden Wochen, also im Endspurt zum Übertritt, kräftig mitgefiebert. Wenn der Eifer ihres Kindes zeitweise nachließ, haben Sie vielleicht sogar mit dem Gedanken gespielt, der Motivation durch eine attraktive Belohnung auf die Sprünge zu helfen. In dem Fall bietet sich ein Geschenk an, das zur Zeit bei Heranwachsenden „In“ ist und große Begehrlichkeiten weckt, ein Smartphone. Nur, ist das auch eine gute Idee?

Es ist nämlich so, dass den wenigsten Schenkenden bewusst ist, mit welch unerwarteten Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung ein Smartphone in den Händen eines Kindes einher gehen kann. In der Öffentlichkeit wird kaum diskutiert, wie häufig schulische Leistungen einbrechen und der Familienfrieden durch elektronische Geräte belastet wird. Auch löst der Umstand erstaunlich wenig Nachdenklichkeit aus, dass die Kombination aus Smartphone und Mobilfunkkarte in der Regel einen unbeschränkten Internetzugang ermöglicht. Kommt es zu schulischen Problemen, wird kaum je der Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen hergestellt. So scheint es höchste Zeit, sich über die Folgen der mobilen Medialisierung der Kindheit Gedanken zu machen.

Statussymbol Smartphone

In den vergangenen Jahren war zu beobachten, dass Smartphones sogar in Grundschule eine zunehmende Verbreitung finden. Weil das mobile Telefon vom sogenannten Smartphone verdrängt wird, erhalten viele Kinder von ihren Eltern als Erstgerät gleich ein Touchscreen-Handy. Diese Geräte gelten auch unter Kindern als Statussymbole und haben darüber hinaus einen enormen Unterhaltungswert. Indem sie attraktiv sind, binden sie viel Aufmerksamkeit der Kinder – womit der Umstand benannt wäre, aus dem im Weiteren die Probleme resultieren.

Tor in die Welt der Erwachsenen

Ebenfalls als kritisch ist der Umstand anzusehen, dass Smartphones nur sinnvoll zu nutzen sind, wenn sie eine Internetanbindung besitzen. Wer den Internetzugang mit einer Kinderschutzsperre versehen wollte, müsste sich mit dem Gerät auf lange Sicht besser auskennen als sein Kind. Das ist in der Regel nicht der Fall, zumal die meisten Eltern den zugehörigen Zeitaufwand scheuen oder sich mit der Konfiguration von Handysoftware generell kaum auskennen. Die jungen Leute freuen sich infolgedessen darüber, sich gänzlich unbeschränkt im Internet bewegen zu können. Dort eröffnen sich ihnen Einblicke in die Erwachsenenwelt, die ihnen in der wirklichen Welt durch die Vorschriften des Jugendschutzes verschlossen bleiben würden. Schlussendlich wundert es vor dem Hintergrund des Gesagten wenig, dass schon Drittklässler ihre überraschten Eltern mit dem Wunsch konfrontieren, spätestens von der vierten Klasse an ein Smartphone haben zu wollen.

Suchtfaktor Bildschirm

Und es stimmt ja auch. Die Möglichkeiten moderner Smartphones sind faszinierend und ihr praktische Nutzwert für die Alltagsorganisation ist unstrittig. Die Phänomene Langeweile und Muße scheinen seit Einführung der Smartphones aus unserem Alltag so gut wie verschwunden zu sein. Wo sich beim Pendeln oder in der Freizeit unausgefüllte Momente auftauchen, geht die Hand sogleich zum Smartphone und werden Nachrichten aller Art gecheckt. Es wird hier gelesen, dort geschaut, es wird gepostet, gechattet und die Nachrichtenlage ebenso wie die Wettervorhersage geprüft. Das führt dazu, dass im Smartphone-Besitzer ein vergleichsweise hoher innerer Aktivitätspegel aufrecht erhalten wird. Für die Generation der Älteren ist das auf Dauer unattraktiv, da sie aufgrund ihres dichten Alltags eher Entspannung sucht und zu dem Zweck früher oder später das Gerät beiseite legt. Auch hat diese Generation in ihrer Kindheit noch unausgefüllte Zeiten erlebt und weiß um deren Wert fürs Gemüt und die Befindlichkeit.

Langeweile macht stark, der schnelle Kick schwächt

Die heute aufwachsende Generation ist nicht nur an die Allgegenwart der Bildschirme, sondern auch an durchgetaktete Zeitpläne gewöhnt. Sie kennt wenig zeitliche Selbstbestimmung und verbringt mit großer Selbstverständlichkeit einen mehr oder weniger großen Teil des Tages vor unterschiedlichen Bildschirmen. Nun lösen Muße und Langeweile in Kindern unangenehme Spannungsgefühle aus. Sie versuchen mit aller Kraft, diese missliebigen Gefühle schnell wieder los zu werden. Dabei werden sie äußerst kreativ und entwickeln allerlei Spielideen. Mitunter dauert es lange, bis das Gefühl der Langeweile verschwunden ist und eine angenehme, kurzweilige Betätigung gefunden wurde. Weil der Griff zur Spielekonsole viel schneller bewältigt ist als diese mühselige Suche, sind Kinder, die viel Zeit vor elektronischen Geräten verbringen, schlechter darin, Spannungsgefühle auszuhalten. Sie ertragen ihre eigenen Gefühle erkennbar schlechter. Über die Jahre kann die Tendenz, sich von Geräten aller Art zerstreuen zu lassen, sich zu einer Form suchtartigen Verhaltens steigern. Das führt womöglich auch dazu, dass unattraktive Tätigkeiten, wie beispielsweise der schulische Unterricht eine ist, durch Nichtachtung gestraft und boykottiert werden. Diese milde Form einer Sucht ist sozial akzeptiert, weil sie keinen unmittelbaren physiologischen Schaden auslöst. Sie geht bei Minderjährigen allenfalls mit schulischen Problemen einher, die in unserer Gesellschaft als individuelles Problem und mit einem Mangel an Intelligenz erklärt werden.

Kindheit und Jugend als kritische Phase

Junge Menschen sind den Gefahren einer Medienabhängigkeit stärker ausgeliefert als ausgewachsene. In jungen Jahren suchen wir in stärkerem Ausmaß nach neuen und extremen Reizen, Erlebnissen und Erfahrungen. Das evolutionäre Erbe suggeriert uns, wir würden dadurch mehr und schneller lernen und wären besser auf die Lebenswelt vorbereitet. Nur weiß die Evolution noch nichts von der Allgegenwart von Medien im 21. Jahrhundert, vom Phänomen der Überreizung durch bewegte Bilder und vom Multimilliardenmarkt der Unterhaltungssoftware. Ein Mehr an Input führt vor dem Bildschirm nicht mehr zwangsläufig zu einem Mehr an Erfahrung – diese Gesetzmäßigkeit gilt nicht mehr in unserer modernen Welt.

Die gute Nachricht: Es braucht keine Belohnungen!

Dass Belohnung als Motivationsprinzip nicht funktioniert und womöglich sogar schadet, wurde durch Studien nachgewiesen. Bekannt ist ebenfalls, dass die wirksamste Unterstützung für Kinder die ist, Ihnen Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Am meisten hilft es ihnen, wenn wir ihnen unser Interesse zeigen und uns Zeit für sie nehmen.

Wenn ein Kind die Hürde des Übertritts gemeistert hat, entfaltet dieser Erfolg in ihm ein Bündel aus Emotionen: Zufriedenheit, Erleichterung, Stolz, gestärktes Selbstvertrauen uvm. Das Kind hat seine Ziele aus eigener Kraft erreicht, denn hat die Proben selbst geschrieben. Was gibt es für einen Grund, von diesem Feuerwerk angenehmer Gefühle durch ein materielles Geschenk abzulenken? Und wenn es unbedingt doch ein Geschenk sein muss, dann empfiehlt sich: gemeinsam verbrachte Zeit. Die verstärkt eine sehr zuträgliche und naturwüchsige Form von Sucht: Der Volksmund spricht von der Liebe des Kindes zu seinen Eltern …

 

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