Wer sind in der Schule eigentlich die Großen und wer die Kleinen?

Eine heutige dpa-Meldung (24.09.2020) zum Thema „Gewalt gegen Lehrkräfte“ ist so absurd, dass sie nicht in den Nachrichten-Äther eingehen solle, ohne genauer betrachtet zu werden und eine Einordnung zu erfahren.

Gemeldet wird vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Rheinland-Pfalz eine immer mehr zunehmende Gewalt gegen Lehrer. Gewalt, die sich verbal und handgreiflich zeigt. Der Meldung liegt eine Studie zugrunde, in der bundesweit rund 1.300 Schulleitungen befragt wurden. Die ergab, dass in den zurückliegenden fünf Jahren ein gutes Drittel der Lehrer körperliche Gewalt erlebt hat, während dies 2018 noch 26 Prozent angaben. Zwei Drittel der Lehrer, so schätzen die Schulleiter, habe im selben Zeitraum psychische Gewalt erfahren, was seit 2018 eine Zunahme um 13 Prozent bedeutet. Vom VBE wird nun beklagt, es gebe zu wenig Unterstützung durch die Politik, als dass man das Problem in den Griff bekommen könne.

Grotesk wirkt die erwähnte VBE-Meldung durch den Umstand, dass die Verbandslehrer es sich mit solchen Beschwerden in der Hilflosigkeit komfortabel einzurichten scheinen. Wiewohl gerade ihre Berufsgruppe mit ungeheuer viel Autorität, Macht und durchaus auch Privilegien ausgestattet ist. Es wird schon daran deutlich, dass die Dinge nicht gut zusammenpassen. Aber schauen wir uns das im Folgenden mal genauer an.

In praktisch jeder Beziehung zwischen Menschen gibt es Machtgefälle. So etwa zwischen denjenigen, die beruflich mit Kindern arbeiten und deren minderjährigen Schutzbefohlenen. Natürlich fühlt sich sogar mal ein Erzieher den Gefühlsausbrüchen und dem schlecht steuerbaren Verhalten einer großen (zu großen?) Gruppe dreijähriger Kind gegenüber ohnmächtig und verzweifelt. Die prinzipielle Überlegenheit des Erziehers gegenüber dem Kind ergibt sich aus dem Umstand seiner größeren Lebenserfahrung. Mit der geht einher, dass Erwachsene ihre Gefühle erheblich besser kontrollieren können als Kinder. Es ist ihnen auch möglich, das Verhalten des Kindes in einen Zusammenhang einzuordnen und danach auf ein professionell eingeübtes Repertoire an sinnvollen Verhaltensweisen zurückzugreifen.

Die Überlegenheit der Erwachsenen gründet also neben einer guten Ausbildung auch auf den Umstand, dass sie eine erheblich bessere Kontrolle über ihr Gefühlsleben haben. Erwachsene sind ihrer eigenen Emotionalität nicht ausgeliefert und können das jeweilige Geschehen besser erfassen, reflektieren und steuern.

Dass der VBE ebendiesen Umstand in seiner Analyse völlig ausblendet, lässt einen etwas fassungslos zurück. Zumal wenn man seine Sicht der Dinge aus der psychologischen Perspektive betrachtet. Denn es leuchtet nicht recht ein, dass der Verband sich darauf beruft, Lehrer seien auf das Wohlverhalten ihrer Schüler angewiesen. Wenn die jungen Leute sich nicht in hinreichendem Maße friedlich verhalten, so entnimmt man dem Text, muss eine übergeordnete Behörde Mittel freigeben, regulierend eingreifen, finanzieren, organisieren oder was auch immer tun, um … ja, für was eigentlich? Letztlich und ironisch formuliert geht es wohl darum, mit gesteigerter Autorität wieder Gewalt über die schlecht erzogene Bande zu gewinnen, aus der sich heutige Schüler rekrutieren.

Dabei wird von den Lehrervertretern der weiter oben erwähnte Umstand völlig ausgeblendet, dass es durchaus möglich wäre, Lehrer für genau solche Situationen auszubilden. Man könnte, und natürlich hätte das schon längst geschehen müssen, ihnen entweder im Studium oder berufsbegleitend vermitteln, wie man in Konfliktsituationen mit Heranwachsenden redet und umgeht. Man könnte ihnen allerlei pädagogisches Fachwissen vermitteln. Inhalte der Entwicklungspsychologie, der Sozialpsychologie und über die Beziehungsdynamik der Unterrichtssituation sowie der Lehrer-Schüler-Interaktion. Und das alles nicht nur in der Theorie, sondern in erster Linie mit praktischen Bezügen. Denn sicher ist, dass Fachdidaktik alleine für die Lebenswirklichkeit des Klassenzimmers keine ausreichende Befähigung darstellt.

Man müsste Lehrkräften zuvorderst vermitteln, dass es in der Regel genau so aus dem Wald herausschallt, wie man in ihn hineinruft. Das Ausmaß an alltäglicher, sprachlich vollzogener Gewalt durch Lehrer an Schülern ist enorm. Auch deshalb, weil viel zu viele Lehrer gar nicht erfassen, was ihre Äußerungen im Gemüt der jungen Leute für Verheerungen anrichten. Die Gemaßregelten erleben den Aufruhr, den die Worte der Autoritätsperson in ihnen hinterlassen und reagieren innerlich mit Scham und Schweigen. Sie messen den Erwachsenen durchaus Treffsicherheit im Urteil zu, weshalb sie sich nach dem Urteil der Lehrkraft selber als unzulänglich ansehen, ohne dass ihnen ein Entwicklungsweg gewiesen wurde. Oft nimmt in jungen Menschen nach solchen Kränkungen der innere Leidensdruck zu und die Extrovertierten unter ihnen sinnen nach Vergeltung. Und das wäre dann der Einstieg in den Teufelskreis der Gewalt.

Der eigentliche Skandal ist also, dass Lehrern, die im Volksmund als Pädagogen bezeichnet werden, ein ganz zentraler Aspekt ihres Tagewerks bis heute nicht solide vermittelt wird. Gemeint ist die pädagogische Beziehungsarbeit, eine qualitativ hoch anspruchsvolle Arbeit in der Begegnung mit Menschen. Deren besonders anspruchsvolle Untergruppe, die Arbeit mit Heranwachsenden, erfährt gesellschaftlich weder im familiären noch im schulischen Umfeld irgendeine Wertschätzung. Das Ergebnis sind reichlich stilles Leiden, offene Rechnungen und die beschriebene Gewalt. Letztere sollte von Lehrerverbänden nicht beklagt, sondern in pädagogisch eleganter Art und Weise beendet werden. Das schuldet die Schule den jungen Menschen.

 

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