Was macht die pädagogische Haltung so wichtig?

In gut 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte war es für Menschen überlebensnotwendig, die Gefühle anderer Menschen lesen und interpretieren zu können. Das gilt umso mehr für Kinder, als die eine Phase großer Abhängigkeit durchleben und ohne die Unterstützung Erwachsener in den meisten historischen Perioden nicht hätten überleben können. Sie mussten erkennen, wer aus ihrer Umgebung ihnen in welchem Ausmaß gewogen war, bei wem sie auf Unterstützung zählen konnten und bei wem Gefahr drohte.

Sicherheit gibt es nur in einem stabilen Beziehungsgefüge

Aus dieser entwicklungsgeschichtlichen Erblast resultiert der Umstand, dass Kinder sich nur dann wohl fühlen, wenn sie das Gefühl haben, in verlässlicher Weise Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ob und in welchem Ausmaß das der Fall ist, lesen sie aus den sozialen Signalen ab, die ihnen von ihrer Umgebung entgegengebracht werden. Deshalb löst auch heute noch die Befürchtung, aus der Gemeinschaft herauszufallen, in Kindern schnell existenzielle Ängste aus. Es ist uns Menschen doch zu tief in unser emotionales Bindegewebe eingraviert, wie sehr unser Überleben von der Gemeinschaft abhängt, der wir angehören.

Was das für den Unterricht bedeutet

Aus diesem Wissen resultiert der Umstand, dass Kinder, so sie sich der anstrengenden Herausforderung des kognitiven Lernens stellen sollen, eine sichere Gemeinschaft brauchen. Und leider genügt da nicht der familiäre Rahmen, sondern es braucht einen weiteren geschützten Raum in der nicht-familiären Umgebung. Kinder erfassen schon sehr früh, dass sie sich in zwei unterschiedlichen Welten bewegen: Die ihrer Herkunftsfamilie, die sie bald verlassen werden, um ein eigenes, unabhängiges Leben führen zu können. Und die der Außenwelt, in der sie auf diejenigen Menschen treffen, mit denen sie diese Zukunft teilen werden. Es ist unschwer zu erkennen, welcher von diesen beiden Welten unsere Kinder mit fortschreitendem Alter die größere Bedeutung beimessen werden.

Angstfaktor Selektion: Trennung der „guten“ von den „schlechten Schülern

Von der Schule müsste vor dem Hintergrund dieser sozialpsychologischen Einsichten zu jedem Zeitpunkt das klare Signal an die Schüler gehen: Du bist Teil der Schulgemeinschaft und wirst es auch bleiben! Zumindest die zweite Versicherung gilt jedoch nicht wirklich, weil unser Schulsystem neben dem Bildungs- auch einen Selektionsauftrag erfüllt. Die Schulzeit dient keineswegs nur dem Ziel, das Kind zu dem ihm jeweils möglichen Bildungsmaximum zu führen. Stattdessen stecken unsere Schulen fast mehr Zeit und Energie in ihr zweites Ziel, die Sortierung in gute und schlechte Schüler.

Die große Selektion beginnt spätestens mit dem sogenannten „Grundschulabitur“ in der vierten Klasse. Und sie endet mit dem Nichtbestehen von drei Schulabschlüssen, unter denen vielfach nur noch das Abitur als Eintrittskarte zählt. Höherwertige Bildungswege sind in der Gesellschaft ein knappes Gut, das den leistungsstärkeren Schülern vorbehalten bleibt und zugeteilt werden soll. Sie werden über die erwähnten Abschlüsse und die Rangreihe der Abschlussnoten herausgefiltert, Stichwort NC (Numerus clausus). Und dieses fortdauernde Sortieren vollzieht sich um den Preis, dass die schlechten Schüler die Klassengemeinschaft und manchmal auch die Schulgemeinschaft verlassen müssen. Das Damoklesschwert des schulischen Platzverweises schwebt also immer über den Schülern.

Die Verknüpfung von Leistungsbewertung und Vorrücken

Wer etwas begreifen will, muss sich übend damit befassen. Zur Übung wiederum gehört die Rückmeldung dazu. Damit man schlussendlich weiß, was richtig war und was falsch oder wie das Ziel schneller und leichter erreicht werden kann. Denn am besten lernt man aus den eigenen Fehlern und wenn man zu denen ein hilfreiches Feedback erhält.

An der Stelle kollidieren die beiden erwähnten Aufgaben, die der Schule von der Gesellschaft mitgegeben wurde. Erstens soll die Note die eben erwähnte Rückmeldung liefern und damit den Lernvorgang abrunden. Zusätzlich sind die erzielten Noten der Wert, der die Rangreihe bildet, die zur Grundlage für die Zuweisung der knappen gesellschaftlichen Bildungsressourcen wird. Zum Beispiel bei der Vergabe der beruflich attraktiven Medizinstudienplätze.

Diese beiden Aufträge harmonieren jedoch nicht miteinander, sie schließen sich sogar aus. Deshalb taugen schulische Noten heute weder gut zum Feedback noch zur Studienplatzvergabe. Weil Lehrer den Notenschlüssel verändern, schaffen sie einen Feedbackmaßstab, der weder relevant noch aussagekräftig und gerecht ist. Und als Verteilinstrument für bestimmte Ausbildungs- oder Studienplätze eignen sich die Abschlussnoten ebenfalls nicht. Was durch diese Vermischung von Noten als Feedbackinstrument und Auswahlkriterium jedoch zweifellos und in großen Mengen unter die Schüler gebracht wird, sind Angst, Unsicherheit und erbitterte Konkurrenz.

Beziehung gestalten, heißt: Angenommensein signalisieren

Kehren wir nach diesem Exkurs zurück zum eigentlichen Thema, zur pädagogischen Haltung der Lehrkraft, die auf solche Gefühle lindernden Einfluss nehmen könnte. Sie vermag den jungen Lernenden Angst, Unsicherheit und Nöte zu nehmen und sie durch Zuversicht, Freude und leidenschaftliche Neugierde zu ersetzen.

Der Zaubertrank, der dies bewirkt, greift dort an, wo im Menschen seine Kräfte freigesetzt werden: an den Gefühlen. Indem die Lehrenden Einfluss nehmen auf ihren eigenen Gefühlshaushalt (denn das ist die erwähnte Arbeit an der pädagogischen Haltung), verändern sie über den Umweg der Gefühlsübertragung, mittelbar das Gefühlserleben ihrer Schüler. Dieser Mechanismus folgt den Einsichten der modernen Natur- und Bildungswissenschaften und ist darüber hinaus frei von jeglicher Esoterik.

Beziehung wirkt! Und wir wissen heute auch wissenschaftlich fundiert, wie und warum. Um diese Wirkmechanismen zu nutzen, müsste die Gesellschaft bis zu dem Punkt voranschreiten, an dem diese Einsichten auch von den Schulen als handlungsleitende Prinzipien angenommen werden. Und das würde bedeuten, Schulen zu angstfreien Räumen werden zu lassen. Kinder aller Altersstufen müsste dafür während ihrer Schulzeit ununterbrochen signalisiert werden, dass von ihnen Leistung, Kooperation und aktive Mitwirkung erwartet wird. Dass sie jedoch gleichzeitig ganz unabhängig von ihrer Leistungsfähigkeit ein unverzichtbarer Teil der Gemeinschaft sind und bleiben.

Ohne gefühlte Sicherheit gibt es weder Leistungsfähigkeit noch Kreativität

Lehrkräfte zeigen pädagogisch Haltung, indem sie ihren Schülern durch das eigene Sprechen und Handeln Signale der Ermutigung, der Akzeptanz, der Geduld und der Zugehörigkeit vermitteln. Das wird dann zur Herausforderung, wenn Schüler nicht kooperieren, ihre persönlichen Dramen in der Schule aufführen. In diesen Situationen wird die lehrende Tätigkeit zu dem, was sie durchaus ist, nämlich zu harter Arbeit. Zur Beziehungsarbeit.

Die gute Nachricht ist die folgende: Aus der Forschung gibt es Hinweise, dass sich Beziehungsarbeit lebensverlängernd auswirkt. Was nicht nur für Eltern gilt, sondern der Effekt zeigt sich auch durch Beruf und Ehrenamt (allerdings finde ich leider die zugehörige Studie gerade nicht).

 

 

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