Herausforderung Hochbegabung

Dass manche Kinder besondere Talente in sich tragen, sollte eigentlich Grund zur allseitigen Freude sein. So ist es aber keineswegs, denn diese Kinder wachsen in einem Bildungssystem auf, das auf die effiziente Vermittlung der Kulturtechniken an im Wesentlichen durchschnittlich begabte Schüler hin ausgelegt wurde. Es gibt durchaus Fördermöglichkeiten, Klassenzüge und auch ganze Institutionen für Kinder, die nach oben aus der Norm fallen, sei es durch eine intellektuelle oder motorische Hochbegabung. Um von solchen Angeboten profitieren zu können, muss sich jedoch das Leistungsniveau des Kindes vergleichbar zum Begabungsniveau entwickeln. Leistungsschwache Hochbegabte, die sogenannten „Underachiever“, fallen ebenso durch das Raster wie solche Kinder, bei denen die Hochbegabung zu spät entdeckt wird oder sie im sozialen, emotionalen Bereich liegt. So oder so benötigen hochbegabte Kinder besonders viel von den knappsten aller Güter ein: Zeit und Aufmerksamkeit.

 

Hochbegabung; Intelligenz; underachiever; Durchschnitt

Die geistig-intellektuelle Leistungsfähigkeit verteilt sich in der Bevölkerung in etwa gemäß der Gaußschen Normalverteilung. Folglich ist damit zu rechnen, dass es neben den Vielen, die sich um den IQ-Mittelwert tummeln auch einige gibt, die in bestimmten Bereichen herausragende Talente besitzen. Der Fluch dieser Talente ist der, dass das zugehörige Gehirn sehr unleidig werden kann, wenn es von seiner Umgebung nicht in hinreichendem Maße Verständnis für seine speziellen Bedürfnisse erntet, Aufmerksamkeit erhält und damit die entsprechenden Anregungsbedingungen zur Verfügung gestellt werden.

Der menschliche Organismus scheint eine innere Ahnung davon zu besitzen, welches Potential er in sich trägt – und was da verloren ginge, wenn das zur Verfügung stehende Zeitfenster der Entwicklung zu wenig genutzt wird. Das erklärt den Nachdruck, mit dem Kinder generell die Ansprache suchen und dabei nicht locker lassen; und das erklärt, warum dieser Nachdruck bei hochbegabten Kindern noch einmal stärker ausfällt. Bleibt die erwünschte Antwort aus, sucht sich diese Kraft manchmal destruktive Wege. Womöglich aus der inneren Not heraus, doch noch einen Weg zur Entfaltung des inneren Potentials zu finden – und sei es um den Preis der sozialen Selbstbeschädigung.

Der Unterricht mit hochbegabten Kindern ist in vielfältiger Hinsicht besonders. Deren spezielles Wesen verschafft sich womöglich durch ein hohes Maß an Bewegtheit, durch springende Erzähl- und konfus wirkende Arbeitsweisen Ausdruck. Vielleicht fallen die Kinder aber auch durch eine besondere Ruhe und Anpassungsbereitschaft auf, oder durch situationsbezogen springende Verhaltensstile. Hellhörig machen sollten eigensinnig bis eigenartig wirkende Vorgehensweisen bei der Bearbeitung von schulischen Aufgaben, ein auffallend hohes Tempo der Auffassung, ein sehr geringes Schlafbedürfnis uam. Aber auch schwerfällig wirkende Arbeitsweisen können einen Hinweis liefern, etwa wenn das hohe Ausmaß der Differenzierungsfähigkeit das Begreifen eines auf den ersten Blick trivial einfachen Sachverhalts in nicht nachvollziehbarer Weise ausdehnt. Der gedankliche Baustein wird dann nicht nur in das naheliegende Gedankengebäude eingestellt, sondern es werden Bezüge und Assoziationen abgeleitet, die sich dem „normal denkenden“ Betrachter ohne weiteres nicht erschließen können.

Ob eine Testung des Intelligenzquotienten durch eine normierte Testung sinnvoll ist, sollte von Fall zu Fall gut abgewogen werden. Zum einen beeinflussen der Test und die situativen Rahmenbedingungen das untersuchte Kind und sein Selbstkonzept. (Denn eine solide Testung sollte vom Kinder- und Jugendpsychiater durchgeführt werden). Zum anderen ist es nicht immer so, dass eine diagnostizierte Hochbegabung in der Schule für das Kind in eine verbesserte Schulsituation mündet. Manche Lehrer tragen die Erwartungshaltung in sich, dass intellektuell beschenkte Kinder ihr Potential selbstverständlich aus sich selbst heraus entfalten müssten. Solche Erwartungen ins rechte Licht zu rücken, gelingt nicht immer. Und so ist es manchmal besser, gangbare schulische Wege für ein „eigensinniges“ Kind zu bahnen, als für eines dem das Stigma der Hochbegabung anhaftet.

Aus dem Gesagten sind für die Nachhilfesituation folgende Schlüsse zu ziehen: Der Lehrer muss sich von vielen Erwartungen an das Kind und von eigenen Vorstellungen zum Unterrichtsablauf frei machen, die in anderen Unterrichtsstunden durchaus angemessen wären. Eine effektvolle Strategie ist es, sich mit dem Schüler zusammen auf dessen verschlungene gedanklichen Pfade zu begeben – und erst mit der Zeit steuernd in die Abläufe einzugreifen. Zu einem späteren Zeitpunkt sind die Unterschiedlichkeit im Denken und Erleben zwischen dem Lehrer und Schüler herauszuarbeiten. Denn Hochbegabte müssen neben manchem anderen auch erkennen, wie schwer der Umgang mit ihrer Unterschiedlichkeit auch für ihre Umgebung ist.

 

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Von | 2017-07-23T09:59:38+00:00 21. Mai 2011|0 Kommentare

Über den Autor:

Thorsten Kerbs
Thorsten Kerbs bringt als studierter Ingenieur der Luft- und Raumfahrt einen guten Blick für Struktur und Ordnung mit. Durch seine zweite akademische Qualifikation als Klinischer Psychologe sind ihm neben der Entwicklungspsychologie auch Lern- und Lehrthemen sowie Kommunikations- und Beziehungsthemen wohl vertraut. Auf dieser fachlichen Grundlage arbeitet er, der selber Vater zweier Kinder ist, seit über 10 Jahren mit Schülern und begleitet sie durch Lernthemen von der Grundschule bis zum Studium.

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