Was treibt Schüler an: Lob, Belohnungen – oder nichts von alledem?

Lange Zeit galt es auch in der psychologischen Forschung als ausgemacht, dass von Mensch und Tier ohne Belohnung kein Einsatz zu erwarten ist. Heute wissen wir jedoch, dass Belohnung und ausuferndes Lob sogar das direkte Gegenteil des Gewünschten bewirken können, sie lassen den Antrieb womöglich versiegen.

Das ist die schlechte Nachricht, es gibt jedoch auch eine gute, die sogar stärker wiegt. Uns Menschen steht nämlich ein hoch effektiver Antrieb zur Verfügung, wenn wir aus unserem Inneren schöpfen, uns aufrichtige Überzeugungen und eine gehörige Portion Leidenschaft antreiben. Und die treten nicht nur bei den leichten und angenehmen Aufgaben zutage, sondern auf die kann auch dann zurückgegriffen werden, wenn es unangenehm wird, wir jedoch mit der Sache im Reinen sind und uns für sie entschieden haben.

Spannend ist nun die Frage, ob es einen Weg gibt, Kinder dahingehend zu unterstützen, dass sie ihre innere Haltung klären und sich trotz aller Schwierigkeiten mit Freude dem Unangenehmen zuwenden können? Oder direkter formuliert: Ob wir sie von der Notwendigkeit überzeugen können, für ein in der Zukunft liegendes Ziel sich in der Gegenwart zu kasteien.

 

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Die Kraft der Gefühle

Gefühle sind der Motor unseres Handels, auf sie geht letztlich aller Antrieb(smangel) zurück. Und Kinder sind ihren Gefühlsanwandlungen deutlich stärker ausgesetzt als dies für Erwachsene gilt.

Die Evolution hatte wohl die zahlreichen Gefahren im Blick, als sie das so angelegt hat. Und die Gefahren, denen Kinder in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte während ihres Lebensalltags ausgesetzt waren, sind zahlreich. Das Steuerungsinstrument auf dem schmalen Grad zwischen Neugierde und Vorsicht stellten die überschäumenden Emotionen der Kindheit dar, die mal zur freudigen Erkundung drängten und ein andermal für den vorsorglichen oder gar ängstlichen Rückzug sorgten.

Den Antrieb zum Guten und zum Schlechten stellen beim Menschen die Gefühle sicher, selbst wenn wir uns dieses inneren Geschehens oftmals kaum bewusst sind und diese Gefühle nur selten als solche wahrnehmen. Zumal Menschen ja auch meist der Überzeugung anhängen, Gedanken und rationale Abwägungen würden uns durch den Alltag steuern. Eine charmante Illusion ist das, die uns mit großer Raffinesse von der Evolution untergeschoben wurde  ;-)))

Lob als Droge mit Nebenwirkungen

Dass ein Lob im eigenen Kind zumindest kurzfristig sehr starke Gefühle auslösen kann, erkennen Eltern sehr bald. Deshalb ist die Versuchung groß, diesen wirkungsvollen Hebel möglichst oft anzusetzen. Und leicht wird übersehen, dass er sich bald verschleißt und Kinder fix erkennen, was mit seinem Einsatz bezweckt werden soll.

Man sollte also lieber sparsam loben und sich sorgsam überlegen, auf welche Art und Weise man das tut. So ist in der pädagogischen Literatur viel darüber zu lesen, dass ein Lob nicht auf das Ergebnis und die eventuell erhaltene Benotung abzielen sollte, sondern die Anstrengungsbereitschaft, das Üben und sich Einsetzen als lobenswert herauszustellen ist.

Ermutigung leistet Besseres

Besser funktioniert und weniger unerwünschte Nebenwirkungen zeigt die Ermutigung, allerdings ist sie auch schwieriger umzusetzen. „Ich freue mich zu sehen, wie Du in die Arbeit vertieft bist und mit all diese schweren Aufgaben kämpfst!“ Das klingt wie ein Lob, ist aber keines. Auch ein Lächeln, eine beiläufige Berührung, ein Teller mit einem Snack, der leise neben den Lernenden gestellt wird, haben zutiefst ermutigende Wirkung und rücken die für das Lernen so wichtige Gefühlswelt wieder ein wenig ins Lot. Es handelt sich nämlich bei all dem um eine lupenreine Ermutigung. Und viele kleinen ermutigenden Taten kommen in der Summe womöglich sogar gegen eine ausgeprägte Frustration an. Ermutigung ist ein gar erstaunlich wirkungsvolles Ding bei Kindern.

Ermutigung verwandelt sich in Antrieb und Leistungsfähigkeit

In der Ermutigung drückt sich für das Kind die Botschaft aus, dass da jemand ist, der an es glaubt. Dabei spüren Kinder sehr wohl, ob wir ihnen ein „Du schaffst das schon!“ zuraunen, weil wir selber Angst vor ihrem Scheitern haben und diese Möglichkeit mit Zweckoptimismus von uns schieben. Wo Erwachsene ermutigen, ohne dabei das Ergebnis der Anstrengung im Blick zu haben, sind sie von Zuversicht auf den Lebensweg des Kindes getragen. Selbst im Falle des Scheiterns wären sie nicht aus der Ruhe zu bringen und würden darauf vertrauen, dass sie oder er einen Weg findet.

Und das brauchen Kinder. Sie brauchen Menschen in ihrer Umgebung, die an sie glauben und auf sie vertrauen. Unabhängig von ihren gegenwärtigen Leistungen und allen Vergleichen, die mit anderen Kindern gezogen werden könnten. Ermutigende Handlungen drücken diesen Glauben an das Kind aus und vermitteln ihm ein solches Vertrauen. Und daraus wiederum resultiert ein innerer Antrieb, der Menschen günstigstenfalls durch das ganze, mitunter zehrende Leben zu tragen vermag. Wir können ihn als Leidenschaft bzeichnen, als innerer (von außen kommendem Lob und ebensolcher Belohnung und Anerkennung weitgehend unabhängiger) Antrieb oder wie die Psychologie sagt als intrinsische Motivation.

Schulkrisen als Übungsfeld der Ermutigung

Die Schulzeit ist mit all ihren größeren und kleineren Belastungen für das Familienleben (und gewiss auch für die Lehrer-Schüler-Beziehung) ein wunderbares Übungsfeld für das Prinzip der Ermutigung. In den Schulen wird sie leider geringgeschätzt, wiewohl es zahlreiche Lehrer gibt, die sie als Wundermittel der Motivation erkannt haben und sie auch im Klassenverband geschickt einzusetzen wissen.

Der Einstieg gelingt auch für alle, die nicht pädagogisch ausgebildet sind, recht einfach. Man beginne damit, seinem Kind sehr offene Fragen zu stellen, Fragen also, die nicht gleich die Antwort im Gepäck haben. „War’s gut in der Schule?“ ist ein Beispiel für eine nicht-offene Frage. „Was hast Du heute erlebt in der Schule?“ hingegen, zumal wenn bei der Formulierung echte Neugierde mitschwingt, lädt das Kind ein zu erzählen, was ihm als wichtig erscheint. Dann beginnt es zu erzählen, vielleicht aber auch erst am nächsten Tag. Und wenn es erzählen darf, was es erzählen mag, befinden wir uns schon mitten in einem Austausch, der zutiefst ermutigende Wirkung entfaltet.

Dem Kind Gelegenheit zur gedanklichen Klärung zu geben

Die Hohe Schule der Ermutigung sähe dann so aus: Den Bericht des Kindes durch Nicken, durch „Ahs“ und „Ohs“, durch emotionales Mitschwingen und viel anteilnehmende Geduld begleiten, ohne anschließend zu kommentieren, Ratschläge zu geben, in Wertungen einzustimmen und das Gespräch zu einer Schlussfolgerung lenken zu wollen. Aber wie gesagt, das ist dann die höchste Stufe der Vollendung, die auch von Fachkräften lange geübt werden muss.

Der große Segen dessen liegt darin begründet, dass auf die Art die Kinder ihre Gedanken und Gefühle sortieren können. Schon kleinsten Kindern gelingt es im Gespräch mit einem geduldigen und zugewandten Zuhörer zu Überzeugungen zu kommen, die weit tragen und stärksten Anfechtungen widerstehen. Wenn ein Heranwachsender beispielsweise für sich zu dem Ergebnis gekommen ist, er möchte bei seinen Freunden in der Klassengemeinschaft bleiben, weil die Alternative für ihn undenkbar erscheint, dann kann das zu einem deutlich gesteigerten Arbeitseinsatz führen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der Jugendliche Gelegenheit bekommt, sich geduldig auszusprechen, alle Optionen abzuwägen und sich den zugehörigen Gefühlen zu stellen, ohne dass jemand auf ihn einwirkt und das Gespräch oder seine Gefühle in eine bestimmte Richtung lenken möchte.

Kleine Erfolge mit großen Effekten

Wie schon angedeutet, geht diese Vorgehensweise mit Schwierigkeiten einher, die auch von Fachleuten lange Zeit geübt sein will. Das lohnt sich jedoch, denn auch wenn der Unterricht nur 90 Minuten pro Woche dauert, kann die Ermutigung durch einen in dieser Arbeit ausgebildeten Nachhilfelehrer mit deutlich spürbaren Effekten einhergehen. Dasselbe gilt auch für Eltern, die sich in dieser Methode üben und denen ihre Umsetzung gefühlt nur wenige Minuten pro Woche gelingt. Kinder bemerken in der Regel nicht das Alltägliche, sondern ihnen fällt das Besondere auf. Brechen Eltern nun aus den gewohnten Verhaltensmustern aus, wird das von ihren Kindern garantiert bemerkt. Sie sprechen nicht darüber, die übermittelte Botschaft nimmt jedoch den direkten Weg in ihren Gefühlshaushalt. – Altmodisch formuliert könnten man auch sagen, den direkten Weg ins Herz  😉

P.S.:

Das obige Bild nimmt übrigens Bezug auf das sogenannte Marshmallow-Experiment des Persönlichkeitspsychologen Walter Mischel mit Kindern im Grundschulalter. Auch dabei ging es um die herausragende Bedeutung des Gefühlshaushalts für den Lernerfolg. Er konnte mit seinen einfallsreichen Versuchen (und mit den sich daran anschließenden Längstschnittstudien) zeigen, dass Grundschulkinder, die ihre Gefühle bezwingen können, im späteren Leben erfolgreicher sein werden. Wenn Sie sich für dieses Thema und seinen Bezug zum schulischen Lernen interessieren, erfahren Sie hier mehr darüber.

 

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Von | 2017-09-04T22:42:24+00:00 17. April 2017|0 Kommentare

Über den Autor:

Thorsten Kerbs
Thorsten Kerbs bringt als studierter Ingenieur der Luft- und Raumfahrt einen guten Blick für Struktur und Ordnung mit. Durch seine zweite akademische Qualifikation als Klinischer Psychologe sind ihm neben der Entwicklungspsychologie auch Lern- und Lehrthemen sowie Kommunikations- und Beziehungsthemen wohl vertraut. Auf dieser fachlichen Grundlage arbeitet er, der selber Vater zweier Kinder ist, seit über 10 Jahren mit Schülern und begleitet sie durch Lernthemen von der Grundschule bis zum Studium.

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