Wenn es so ist, dass Kinder beim Erlernen des Faches Mathematik grundlegend anders vorgehen als lernende Erwachsene, dann stoßen wir unweigerlich auf die folgende Schwierigkeit: Weil die Kinder in der Regel von Erwachsenen unterrichtet werden, hängt der Unterrichtserfolg ganz erheblich von der Frage ab, in welchem Ausmaß dieser kleine Unterschied dem Lehrer bewusst ist und von ihm bei seiner Arbeit berücksichtigt wird.

Wird nun ein Grundschüler von seinem Lehrer nach denselben Prinzipien unterrichtet wie ein Oberschüler, dann wird das jüngere Kind womöglich bald die Lernlust verlieren – und ihm auf lange Sicht daraus einen Nachteil erwachsen. Werden dem Matheneuling jedoch gewisse Eigenheiten zugestanden, geht das Lernen leichter von der Hand und die Freude am Zahlenraum bleibt erhalten. Eine Untersuchung von Bildungswissenschaftler der TU München, die in der Süddeutschen Zeitung im Vorfeld der Veröffentlichung auszugsweise vorgestellt wird, deutet argumentative Unterstützung für diese These an.

Genauigkeit ist vorerst zweitrangig

Kommt ein Erstklässler mit seinen ersten Mathe-Hausaufgaben nach Hause, wird sein Tun dort, ebenso wie im schulischen Unterricht, sehr bald nach den Kategorien richtig/falsch betrachtet. Seine Eltern schauen genau hin, ob auch alle Ergebnisse den korrekten Zahlenwert aufweisen. Weil Kinder mitunter sehr lange brauchen, bis sich die grundlegenden Rechenoperationen in ihrem Gedächtnis festgesetzt haben, ist die Zahl der bemerkten Fehler bis hin zur dritten oder vierten Grundschulklasse meist relativ hoch. Je häufiger nun der Rotstift gezückt wird, zumal wenn das Kind emotional wenig gefestigt ist, desto nachteiliger sind die Auswirkungen dessen auf die Eltern-Kind-Beziehung und die innere (die sogenannte intrinsische) Lernmotivation des Kindes.

Deshalb nehmen es gut ausgebildete Nachhilfelehrer in den unteren Jahrgangsstufen nicht immer ganz genau mit der Fehlerkorrektur. Sie bemerken die einzelnen Fehler sehr wohl, wägen jedoch sorgsam ab, ob der Hinweis darauf im jeweiligen Moment zielführend ist. Wenn ein Kind ein bestimmtes Thema, etwa den Zehnerübergang oder das Subtrahieren, grundsätzlich verstanden hat, sind weitere Fehler kein zwingender Hinweis auf weiteren Übungsbedarf. Im jungen Alter ist schnell die Grenze der Aufmerksamkeitsspanne erreicht, und die lässt sich im Grundschulalter nicht als Akt des Willens nach hinten verschieben. Wenn es die Grundschullehrerin des Kindes mit der Zahl der Aufgaben etwas zu gut meint, sind weitere Übungen manchmal auch schädlich für die Motivation und den Leistungsstand. In den Fällen macht es Sinn, die Übungen zu beenden und zu einem späteren Zeitpunkt oder an einem anderen Tag fortzuführen.

Punktgenaue Rechenergebnisse kommen später von selber

Die oben erwähnte Studie der TU München unterstreicht, das die obige Vorgehensweise sinnvoll ist. Genauigkeit ist zu Beginn des schulischen Rechnens kein Gebot, viel wichtiger ist es, dass Kinder ein Gefühl für Zahlengrößen, für Mengenverhältnisse bekommen. Indirekt wird damit die Vorgehensweise der Montessori-Pädagogik gestärkt, in der viel mit den Sinnen gearbeitet wird, indem greifbare Materialen dargeboten und Rechenoperationen veranschaulicht werden. So entsteht etwas wie eine Schätzgenauigkeit. Die Untersuchung bestätigt, dass der innere Vorgang der Symbolisierung von Zahlenwerten und Mengenverhältnissen Vorrang gegenüber der Fehlerlosigkeit haben kann. Lehrende müssen sich und dem Schüler nicht andauernden Druck machen, dass alles richtig zu sein hat – zumindest wenn man die Entwicklung mathematischer Kompetenzen im Blick hat. Wenn es jedoch darum geht, Proben zu bestehen und den Übertritt zu bewältigen, ist numerisch korrektes Rechnen unbedingt erforderlich. Schlussendlich stellt diese Erkenntnis gültige schulische Prinzipien infrage.

Konsequenzen für Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe

Eltern können ebenso wie Nachhilfelehrer aus dem Gesagten für sich die Erlaubnis ziehen, hin und wieder einmal „Fünfe gerade sein zu lassen“. Die sklavisch genaue und fehlerfreie Erledigung der Mathe-Hausaufgaben, das ergebnisrichtige Wiederholen immergleicher Aufgabentypen ist in den ersten Schuljahren nicht notwendigerweise sinnvoll. Und das ist gut so, entzünden sich doch genau an diesem Punkt häufig Konflikte.

 

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