Wenn es um schulischen Erfolg geht, wird viel über Intelligenz und Fleiß gesprochen. Eine entscheidende Rolle spielt jedoch die Konzentrationsfähigkeit des Kindes. Und warum das so ist, soll in diesem Beitrag erklärt werden.

Das Schlüsselelement: Konzentrationsfähigkeit

Unsere Schulen sind so organisiert, dass Kindern in kurzer Zeit viel Wissen vermittelt wird. Der Erfolg dieser Maßnahme wird im Rahmen von Tests überprüft, in denen die Zeit wiederum eine entscheidende Rolle spielt. Sie ist nämlich begrenzt.

So sind in unseren Schulen nur diejenigen Kinder erfolgreich, denen es gelingt, sich über längere Zeiträume hinweg intensiv auf eine Sache zu konzentrieren. Sie müssen in der Zeit Störungen und Ablenkungen erfolgreich ausblenden können. Wie gut das gelingt, entscheidet letztlich über ihren schulischen Erfolg und die späteren Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten.

Freude an der Konzentration entsteht in der Kindheit

Wie gut sich Kinder konzentrieren können, hängt damit zusammen, unter welchen Rahmenbedingungen sie ihr Leben führen. Eine große Rolle spielen genetische Faktoren, die Schwangerschaft und die ersten Lebensjahre. Es macht einen Unterschied, ob Kinder in einer friedlichen Situation, liebevollen Umgebung mit naturnahem Umfeld oder in einer finanziell belasteten und unruhigen Lebenslage voller Beton und Asphalt aufwachsen. Abhängig davon verringern oder vergrößern sich ihre Chancen darauf, anspruchsvolle Hausaufgaben bewältigen und sich unter dem Druck der begrenzten Prüfungszeit hinreichend konzentrieren zu können.

IQ? Fleiß sticht!

Entgegen der Erwartung vieler Menschen spielt dabei Intelligenz nicht die alles entscheidende Rolle. Zwar fällt es testintelligenten Kindern leichter, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen, weil sie weniger kognitive Energie investieren müssen und dadurch langsamer erschöpfen. Eine niedrige Testintelligenz kann jedoch durch Fleiß und Konsequenz ausgeglichen werden. Wobei die vorerwähnten Eigenschaften Fleiß und Konzentrationsfähigkeit sehr eng miteinander verschränkt sind.

Hinzu kommen Faktoren wie der Pygmalion-Effekt. Der führt dazu, dass Kinder, die mehr Aufmerksamkeit von ihren Lehrern bekommen (z. B. weil sie aufmerksam zuhören), sich durch diese Aufmerksamkeit noch einmal stärker am Unterricht beteiligen und als Konsequenz dessen höhere IQ-Zuwächse verzeichnen können. Sie werden also klüger dadurch, dass sie sich besser konzentrieren können und dabei bei der Sache bleiben.

Digitale Medien buhlen um unsere Aufmerksamkeit

Nun leben wir heute in einer Welt, in der Kinder schon in jungen Jahren die längste Zeit des Tages vor Bildschirmmedien verbringen. Auch deshalb, weil ihre Eltern und alle anderen Menschen das ebenfalls tun. Überall blicken Menschen gebannt auf ihre Handys, Tablets, Bildschirme, Monitore in Bus und Bahn, am Arbeitsplatz und im Laden, bis hin zum Wohn- und Schlafzimmer. Dort buhlen Nachrichtensender, Werbetreibende, soziale Medien, allerlei Apps und wer nicht alles um unsere Aufmerksamkeit. Besonders aber interessieren sie sich für die Aufmerksamkeit der Jugend, sind das doch die Kunden von morgen, die heute schon an ihre Angebote gewöhnt werden sollen.

Eltern stehen zwischen den Fronten (auf hoffnungslosem Posten)

Eltern stehen nun zwischen den Fronten. Die Schule nimmt sie in die Pflicht, sie sollen sowohl die Hausaufgabenerledigung als auch die Prüfungsvorbereitung ihrer Kinder überwachen. Derweil haben Legionen von Medienpsychologen im Silicon Valley gute Arbeit geleistet. Ihre Apps machen die Gehirne von Kindern und Jugendlichen in einem solchen Ausmaß süchtig, dass es kaum möglich ist, sich mit noch so guten Argumenten gegen diesen Sog zu stemmen.

Viele Eltern stehen somit auf verlorenem Posten, wenn es darum geht, ihre Kinder zum konsequenten Lernen zu motivieren. Das gilt während der Corona-Pandemie umso stärker, weil in dieser Zeit der Videounterricht die Ermahnung konterkarierte: „Jetzt leg‘ doch endlich mal das Ding aus der Hand!“ Über Monate hinweg fand der Unterricht vor dem Bildschirm statt, ohne dass von der Schule kontrolliert wurde (und werden konnte), was die Schüler tun, während sie dem Onlineunterricht zugeschaltet sind.

Schlussendlich verbringen heute erheblich mehr junge Menschen erheblich mehr Zeit vor Bildschirmen als noch vor der Corona-Krise. Und das ist weder gut für sie noch nützt das ihrer Konzentrationsfähigkeit.

Das Schweigen der Pädagogen

Leider erhalten Eltern wenig Unterstützung aus den Bildungsinstitutionen. Nach wie vor bestehen Schulen auf eine umfangreiche Mitarbeit der Eltern, was sogar für Schüler in Ganztagsschulen gilt. Auch dort kann nicht davon ausgegangen werden, dass der gesamte Lernvorgang während der Woche und innerhalb des Schulgebäudes abgeschlossen ist.

Wir hatten schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass von Lehrern eigentlich Unterstützung zu erwarten wäre. Es wäre wichtig, dass sie, die diese unschöne Situation täglich erleben, sich als Lobbyisten der Schüler öffentlich zu erkennen geben. Und dass sie Forderungen stellen, die sich zum Vorteil der jungen Menschen auswirken. Das kann aber nur gelingen, wenn der Öffentlichkeit erklärt wird, welche Voraussetzungen gute Schulen brauchen und welcher Nutzen aus ihnen für die ganze Gesellschaft erwächst. Bislang geschieht das leider praktisch nie, dass sich Lehrkräfte und deren Verbände in diesem Sinne öffentlich äußern.

Was für die Konzentrationsfähigkeit getan werden kann

Was können Eltern tun, um ihren Kindern etwas von der so wichtigen Konzentrationsfähigkeit zu vermitteln? Hier gilt wieder einmal das wichtigste Grundgesetz der Pädagogik: Seien sie Vorbild, arbeiten sie an ihrer eigenen Konzentration. Und das besonders dann, wenn sie mit ihrem Kind im Kontakt sind. Kinder haben ein außerordentlich feines Sensorium dafür, wie sehr wir bei ihnen sind. Je wacher wir ihnen begegnen, deshalb schwerer fällt es ihnen, uns im Sinne ihrer Ziele zu manipulieren. Sie erleben dann den Nutzen der Fokussierung unmittelbar und eignen ihn sich für ihr eigenes Repertoire an.

Darüber hinaus empfehlen wir ihnen dringend ein hohes Maß an schulpolitischem Engagement. Sie müssen dafür nicht einmal einer Partei beitreten. Viel wichtiger ist es, dass sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Kontakt zu Lehrern, Rektoren, Bildungspolitikern und ihrem Kultusminister suchen, die sich ergibt. Und das sind nicht wenige im Leben von Eltern mit schulpflichtigen Kindern. Tragen sie entschieden vor, wie Schule auszusehen hat. Und tun sie kund, was jeder wissen sollte, die oder der mit Schülern arbeitet: Wenn Kinder sich nicht hinreichend konzentrieren können, müssen sich die Erwachsenen noch mehr anstrengen. – Es greift zu kurz, dem einzelnen Kind dafür die Verantwortung zuzuschieben.