Selbständigkeit und Sinnhaftigkeit

Eines der ersten Ziele der menschlicher Entwicklung sieht so aus, auf eigenen Füßen durch das Leben schreiten zu können. Kinder streben nach der Reife, die es dafür braucht, sich aus eigener Kraft in der idealerweise selbst gewählten Gemeinschaft einen Platz suchen zu können. Und das bei ordentlicher Zufriedenheit, möglichst über die gesamte Lebensspanne hinweg. Aber ein wesentlicher Antrieb des gesunden Menschen ist die Suche nach Sinnhaftigkeit. Das Wirken soll einem Ziel dienen, das als nützlich erkannt wurde und von dem auch die Gemeinschaft profitiert. Aber welcher Lernweg versetzt Heranwachsende in die Lage, dieses Ziel zu erreichen? Und welchen Beitrag kann die Institution Schule leisten, um Heranwachsenden für diesen Werdegang auszustatten?

Schule fordert heute zu viel Reproduktion

In den Schulen der Gegenwart wird viel Wert auf die exakte Reproduktion von Faktenwissen gelegt. Sogar das Prinzip des Transfers wird eng gefasst und freien Gedanken wenig Raum gelassen. Vorsorglich hegt man Kreativität durch strikte Bewertungskriterien ein. Der Grund dafür ist gar nicht mal in erster Linie ein böser Wille, sondern der Zwang zur Effizienz. Beide, das Unterrichten und der Sortiervorgang in gute und schlechte Schüler, soll effizient erfolgen. Denn je stärker die schulischen Abläufe formalisiert sind, desto niedriger sind die Kosten. Und die Gesellschaft scheint sich einig darüber zu sein, dass auch bei der schulischen Bildung zu sparen ist.

Wobei das in hohem Maße formalisierte Lernen mit einem großen Nachteil einhergeht: Es wird von allen Beteiligten als öde und ermüdend erlebt. Schüler wie Lehrer hinterlässt der Schulbetrieb gereizt, unzufrieden und die Zahl der Konfliktfelder ist hoch. Während den Kindern keine Wahl bleibt, fühlt sich von der Enge und den Zwängen des Lehrerberufs ein bestimmter Typus Mensch angezogen, die mit einem eher ängstlichen Naturell. Das stramme Korsett der Verbeamtung verspricht Sicherheit. Außerdem fällt es solchen Menschen leichter, sich einzufügen und dem Dienstherrn unterzuordnen. Gut geht es den Lehrkräften mit diesem Arrangement auf Dauer trotzdem nicht, denn früher oder später meldet sich auch in ihnen der Wunsch nach Freiräumen und Gestaltungsmöglichkeiten. Weil die Schullaufbahn das jedoch kaum zulässt, wächst die Unzufriedenheit, woraus sich der Zündstoff für Konflikte, Krankheiten und Berufswechsel ergibt.

Wie es besser ginge

Was könnte die Lösung aus dieser unbefriedigenden Situation sein? Wenn wir noch einmal auf das oben skizzierte Ziel der Entwicklung blicken, lässt sich diese Frage relativ einfach beantworten. Zum einen sollten die Schulen erst einmal von einem Geist der Freiheit, der Gestaltungsfreude und der Interaktion auf Augenhöhe durchweht werden. Zum anderen müsste der Lernvorgang auf eine Art und Weise angelegt sein, die den Kindern die Begeisterung am lebendigen Lernen in der Gemeinschaft erschließt.

Eigentlich stellt Schule ja ein tolles Ding dar: Man trifft dort andere Menschen, man lernt sie besser kennen (und dadurch letztlich auch sich selber), man erfährt dort etwas über die ungeheuer spannende Welt, in der wir leben. Und man lernt, wie sie funktioniert und was es dort noch für faszinierende Rätsel und ungeklärte Fragen gibt. Dieses Universum des Lebens und Wissens ist zudem noch in ständiger Bewegung, wirft ohne Ende neue Fragen auf und kann deshalb gar nicht langweilig werden.

Freudiges Lernen durch Erleben

Ein Schule, von der die Lust auf gemeinschaftliches Lernen ausgehen soll, müsste somit dem Prinzip „Lernen durch Erleben“ folgen. Sie müsste Kinder zu Akteuren machen und sie aus der Rolle der Zuhörenden befreien. Sie sollten dort zur Kooperation angehalten werden und ihrer Neugierde sollte Futter geboten werden.

Gibt es sowas denn schon? Aber ja, natürlich. Zum einen wird Jahr für Jahr der Deutsche Schulpreis ausgelobt, der unterschiedlichste Schulen im gesamten Bundesgebiet prämiert, die sich dieser (bzw. einer ähnlichen) Idee verschrieben haben und sie umsetzen.

Aber es gibt noch ein weiteres Beispiel für das pädagogische Konzept des Lernen durch Erleben im schulischen Bereich: Mathalaxie.

Mathalaxie – die Abenteuerreise

Hinter Mathalaxie steht die phänomenal Idee von einer Abenteuerreise des Menschen in das Universum. Sehr anschaulich wird dieses in pädagogisch und didaktischer Hinsicht grandiose Projekt in einem SWR2-Wissen-Podcast vorgestellt. Ein insgesamt dreiköpfiges Team rund um die Mathematikerin und Erziehungswissenschaftlerin Márta Vitális hat sich eine phantastische Abenteuerreise in die Tiefen der Galaxie und zu anderen Zivilisationen ausgedacht. Und die Idee dann liebevoll umgesetzt.

In der Fantasiewelt des Spieles geht es darum, in ferne Regionen des Weltalls vorzustoßen und dort Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Ein solches Projekt benötigt gründliche Planung und einige Vorbereitungen. Während die Kinder sich dafür abstimmen, Aufgaben verteilen müssen und daraus ein gemeinschaftliches Arbeiten entsteht, kommen sie ganz nebenbei mit mathematischen Herausforderungen in Kontakt. Die präsentieren sich jedoch nicht theoretisch-trocken, sondern sie sind Teil des nächsten Handlungsschritts und werden deshalb so selbstverständlich wie beiläufig gelöst.

Eine großartige Idee, von der man gar nicht genug schwärmen kann. Zumal ganz nebenbei eine Fülle wichtiger Fragen aufgeworfen wird, die von nun an im Kopf der aufgeweckten Forscher weiterwirken können: Sind wir alleine im Universum? Was bedeutet eine Reise über große Distanzen? Wie kann es gelingen, sich mit Lebensformen verständigen zu wollen, die sich womöglich ganz anders verständigen als wir das tun?

Kreativität statt Bodenschätzen

Dass solchen Projekten eine tiefe Bedeutung innewohnt, die weit über die Grenzen der Schule hinausreichen, wird dieser Tage besonders deutlich. Deutschland, ein Land ohne Bodenschätze, hat als Wirtschaftsgut eigentlich nur die Gehirne seiner Kinder zur Verfügung. Und die werden ziemlich kreativ sein müssen, um sich Lösungen für die immer größer werdenden Herausforderungen ihrer Zukunft einfallen zu lassen. Mit den Lernweisen der Vergangenheit, die leider auch im Jahr 2022 noch von vorgestern sind, wird dieses Ziel nicht zu erreichen sein. Wer sich vor dem Hintergrund ein anschauliches Bild von zeitgerechten Lernmethoden machen möchte, sei dazu eingeladen, sich ein wenig im Lernuniversum der Mathalaxie umzuschauen.

 

 

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