Haben Sie das eigentlich schon gelesen? Sie sollten, denn hier richtet ein Kind in lesenswerter Weise das Wort an uns Erwachsene. Eine Gymnasiastin der 9. Klasse einer Hambuger Schule macht ihrem Ärger Luft und schreibt auf den Meinungsseiten der ZEIT, was sie als Schülerin des guten bis sehr guten Leistungsniveaus vom G8 hält.

Und wie richtig sie damit liegt! Denn das Lernen nach dem Nürnberger-Trichter-Prinzip liefert viel zu schlechte Ergebnisse, um der geballten Paukerei an unseren Schulen so viel Raum und Zeit einzuräumen.

Die 15-jähirge Schülerin Yakamoz Karakurt berichtet von ihrem Alltag, in dem sie um 16 Uhr aus der Schule kommt, nicht vor 23 Uhr ins Bett geht. Und dennoch findet sich kaum Zeit für Hobbys und Freizeit. Sie sucht das Gespräch mit den Verantwortlichen für diesen Widersinn, möchte die Zusammenhänge erklärt bekommen. Dabei widerfährt ihr, was Kinder so oft erleben: sie wird belehrt, ohne ein ernsthaftes Gespräch angeboten und Antwort auf ihre Fragen bekommen zu haben.

Sie könne ja ihr Abitur auch an einer der Hamburger Stadtteilschulen machen, in denen sie ein Jahr mehr Zeit hat und das Lerntempo nicht so hoch ist. Diese Empfehlung wird einer guten bis sehr guten Schülerin von einem politischen oder einem Ministerialbeamten ausgesprochen, der über Entwicklungs- und Lernpsychologie vermutlich so gut wie nichts weiß. Verstünde er mehr von diesem Thema, hätte das Telefonat mehr Nachdenklichkeit in ihm hinterlassen. Denn Kinder mit einem Zeitplan, wie er von Yakamoz Karakurt vorgestellt wird, lernen zwar viele Fakten. Während sie von morgens bis abends auswendig lernen, schließt sich für sie ein Entwicklungs, in dem sie Fähigkeiten erwerben können, die sich in späteren Jahren nur bedingt nachlernen lassen.

Diese 15-Jährige ahnt mehr, dass sie für diesen Widersinn einen hohen Preis zu bezahlen hat, als dass sie davon eine präzise Vorstellung hat. Sie spürt jedoch, dass ihr vor dem Hintergrund eines schlichten Mangels an Zeit wesentliche Erfahrungen vorenthalten bleiben müssen. Freundschaften begründet man ebenso wenig wie Liebesbeziehungen mit Karteikarten und der Formelsammlung in der Hand; Körperbeherrschung und eine elaborierte Motorik setzen Bewegung, Naturerlebnisse und regelmäßiges Training voraus; die emotionale Erlebnis- und Regulationsfähigkeit, auf die fast ganz entscheidend alle sozialen Kompetenzen aufbauen, setzen den Kontakt mit Gleichaltrigen voraus. Fast nichts davon lässt sich im eng getakteten Stundenplan der G8-ler unterbringen. Und die Aufgeweckteren unter ihnen merken sehr wohl, was ihnen da genommen wird.

Karakurt benennt einen unglaublichen Widersinn: Gerade diejenigen Schüler fühlen sich überfordert und belastet, die sich anstrengen. Die weniger bemühten haben immerhin ein wenig mehr Freizeit. Die Leistungsträger sind schon ausgebrannt, bevor der eigentliche Wettbewerb des Erwachsenenalters einsetzt. Verschaffen sie sich womöglich also dadurch einen Nachteil, dass sie den Forderungen besonders gut entsprechen wollen?

Sie schließt ihr Protestschreiben mit den an uns Eltern und Lehrer gerichteten Worten „Und jetzt kommen Sie. Was wollen Sie tun?“ Darauf antworten wir dies: Wir bitten die Eltern unserer Schüler, ihren Kindern genau und geduldig zuzuhören. Dann ermutigen wir die Familie als Ganzes, angesichts der lernpsychologisch zweifelhaften Paukerei gemeinsam für das betroffene Kind einen gangbaren Weg zu suchen. Und das bedeutet manchmal auch, sich mehr Zeit zu lassen, nicht den direkten Weg zu wählen und Umwege nicht als Versagen zu deuten. Der Schulabschluss ist bald vergessen; aber die Erfahrungen der Schulzeit – besonders auch die nicht gemachten – bleiben uns ein Leben lang erhalten..

 

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