Zwischenruf eines Psychologen

Tutzing befindet sich mit um die 10.000 Einwohnern in der angenehmen Situation, seinen Bürgern eine Grundschule und alle drei weiterführenden Schulformen innerhalb der Ortsgrenzen bieten zu können. Das ist luxuriös, und man könnte zu dem Eindruck kommen, sich angesichts dieser Fülle mit dem Thema Schule nicht weiter befassen zu müssen.

Man sollte das aus mehreren Gründen aber doch tun. Zum einen zeigte die Corona-Krise, dass ein Schulapparat, der durch eine übergeordnete Krise plötzlich nicht mehr eng geführt wird, dazu tendiert, in Agonie zu versinken. Schon daran wird deutlich, dass Schule eine wache, starke, fordernde Elternschaft als Widerpart braucht.

Aber schon vor Corona war bekannt, dass Kinder beim Schulbesuch deutlich zu viel Angst und Druck erleben, als dass wir Großen das schulterzuckend hinnehmen dürften. Zum anderen sind die Ergebnisse der fächerbezogenen Ausbildung bei weitem nicht so zufriedenstellend, dass man sich auf dem Status quo ausruhen könnte (hier mit Blick auf die Grundschüler und hier die Mathematik). Bei der Vermittlung psychosozialer Kompetenzen hinken Schulen ebenso hinter den wünschenswerten Standards her. Bayern hebt sich in Vergleichstests zwar im Bundesdurchschnitt positiv von den meisten Bundesländern ab, was den bayerischen Kindern jedoch einen hohen Preis in Hinblick auf ihre emotionale und psychosoziale Entwicklung abverlangt. Das auszusitzen, wäre auch deshalb unverantwortlich, weil Deutschland, wie wir alle wissen, ein Land ohne Bodenschätze ist. Den Wohlstand werden wir nur halten, wenn hier im Schnitt klügere und kreativere Köpfe heranwachsen als anderswo. Danach sieht es derzeit aber eher nicht aus.

Das ist auch deshalb so, weil Schule im Wesentlichen noch so funktioniert wie in grauer Vorzeit. Frontalunterricht im 45-Minuten-Takt dominiert den Schultag und die Bemühungen rund um den Selektionsauftrag überwiegen die um den Bildungsauftrag. Der Schulpädagoge Kurt Singer warnte 2009 mit diesen Worten: „Schulen können die Entwicklung Ihres Kindes gefährden“. Aus seiner Sicht hätte man zuvorderst den lernpsychologischen Widersinn bannen müssen, alle Schüler zur gleichen Zeit, im gleichen Tempo, über die gleiche Sache auf dem gleichen Niveau in der gleichen Methode unterrichten zu wollen. Zwar haben sie zwischenzeitlich verbriefte Rechte, hart angefasst werden sie allenfalls sprachlich und die Fachdidaktik hat durchaus Fortschritte zu verzeichnen. Es bleibt jedoch der grundlegende Konstruktionsfehler der Lehrerausbildung, dass Pädagogik fast nur theoretisch vermittelt wird und die Praxis des Unterrichtens bis zum Beginn des Referendariats kaum eine Rolle spielt.

So fehlt den Lehrern beim Eintritt in ihr Berufsleben all das, was den Alltag im Klassenzimmer eigentlich bestimmt. Sie bringen kaum Kenntnisse der Entwicklungs- und Sozialpsychologie mit, noch wurde ihnen vermittelt, wie man mit Kindern der unterschiedlichen Altersstufen kommuniziert. Besonders schlimm ist das Fehlen jedweder Ausbildung in Bezug auf die Beziehungsarbeit mit jungen Menschen. Das wirkt sich deshalb fatal aus, weil gerade das heute vorherrschende Unterrichtsdesign großer Klassen und enger zeitlicher Taktung genau diese Kompetenzen in allerhöchstem Maße voraussetzt. So kämpfen sich heute Lehrer an Schülern, Schüler an Lehrern, Eltern an Lehrern und Lehrer an Eltern ab, ohne dass es in diesem Gerangel irgendjemanden gibt, der die Konfliktdynamiken durchschaut und regulierend eingreifen könnte. (Sehr lesenswert dazu das Essay des Deutschlehrers Hans-Georg Breitenstein in der FAZ vom 06.08.2020, „Furcht und Elend des Deutschunterrichts“, leider unter Pseudonym verfasst.)

Warum lassen Eltern und Schüler sich derartige Missstände mit schier unerschöpflicher Langmut bieten? Bezüglich der Schüler ist die Frage schnell beantwortet. Mehr denn je verhalten sich im Jahr 2020 Heranwachsende angepasst und verträglich. Wohl wirken sich das Smartphone und die Allgegenwart preiswerter Drogen, zu denen auch die sozialen Netzwerke und Onlinespiele gehören, sedierend auf die Heranwachsenden aus. Die früher als rebellisch geltende Jugend hat sich mit den Verhältnissen arrangiert. Und selbst die Proteste von Fridays for Future kommen so nett und sympathisch rüber, dass selbst Vielflieger und SUV-Fahrer lächelnd deren Kampagnen zeichnen. Man vergönnt es den jungen Leuten, das Leben in der Moderne ist auch ohne Krawall anstrengend genug.

Schwerer ist die Langmut der Eltern zu fassen und zu erklären. Natürlich gibt es gerade in und rund um München zahlreiche Profiteure des schulischen Verdrängungswettbewerbs. Wer sich mehrere tausend Euro pro Monat an Schulgebühren und Nachhilfe leisten kann, bringt sein Kind zwar nicht sorgenfrei aber schlussendlich doch irgendwie zum Abitur und dann auf eine Universität im anglo-amerikanischen Sprachraum. Grob geschätzt bewegen sich weitere zehn bis fünfzehn Prozent der Schüler unauffällig und unbelastet, vielleicht auch mühelos durch das Schulsystem. Was aber ist mit den Übrigen?

Zur Einschulung des ersten Kindes sind Eltern noch voll freudiger Gewissheiten über diesen ganz wunderbaren Menschen. Sie sehen ihr Kind, und das ist von der Natur klug so eingefädelt, als einzigartig, neugierig und lernfreudig genug an, um die Anforderungen der Schule zu bewältigen. Mit den Noten schleicht sich der Wettbewerb ins Leben dieser Kinder, und spätestens in der dritten Klasse wird die Atmosphäre beim Elternabend eisig. Wo vorher gemeinschaftlich für das nächste Klassenfest Kuchen gebacken wurden, schärft man nun die Ellenbogen. Nicht alle verstehen dabei, dass die Benotung in der Grundschule ein Nullsummenspiel abbildet. Wer das nicht erklären kann, erfasst dennoch intuitiv, was das praktisch für die Klassengemeinschaft bedeutet.

Ist schlussendlich die Hürde genommen und das Kind auf dem Gymnasium angekommen, geht es gleich weiter mit dem Druck. Wer mit 2,3 übergetreten ist, zählt auf dem Gymnasium nun zu den Leistungsschwächsten. Für die Überflieger der Grundschule ist das ein herber Absturz, der nicht ohne Folgen bleibt. Denn laut der offiziellen Zahlen des Kultusministeriums verlässt ein Drittel der Gymnasiasten diese Schulform ohne Abitur. Der schulische Druck geht einfach immer weiter und wirkt nicht selten bis ins Studium nach.

Das Perfide an dem beschriebenen Prozess ist, wie schleichend viele Kinder zu dem geformt werden, was es in der Leistungsgesellschaft auch braucht: zu schulischem Mittelmaß oder zu Verlierern. Der Prozess wird recht anschaulich beschrieben durch das Bild vom Frosch im Kochtopf, der sich bis zuletzt nicht von der Stelle rührt. Wobei dieser Absatz nicht ohne den Hinweis darauf enden darf, dass sich gerade unter den vorerwähnten Verlierern oft die Klugen und Kreativen zu finden sind.

Was bedeutet das Gesagte nun für Tutzing? Wahrscheinlich dasselbe wie für die übrige Republik. In der man sich von Eltern mehr Zivilcourage, mehr Streitbarkeit und weniger notenbesorgte Zurückhaltung zum Wohle des eigenen Kindes wünschen würde. Autoritäre Institutionen, wie das Schulsystem mit seinen Ministerien, Ämtern und Behörden zweifellos eine ist, entgleisen gerne dann, wenn sie es mit zu viel Unterwerfung zu tun bekommen. Eltern sollten deshalb so lange und massiv unbequem sein, bis es den Rektoren und Klassenlehrern tags wie nachts in den Ohren rauscht. Nur dann leiten sie den Druck, der sich ansonsten im Klassenzimmer bündelt, an den Ort um, dem er eigentlich zugehört: in die (Schul-)Politik. Die Kultusminister müssen verstehen, dass es so nicht geht, dass es spätestens nach Corona eine Schule für das 21. Jahrhundert braucht.

Treten Sie, liebe Tutzinger Eltern, nachdrücklich für die Belange der Kinder ein; aller Kinder, nicht nur ihre eigenen. Denn wo es einer Mitschülerin besser geht, profitieren auch ihr Sohn oder ihre Tochter – die Forschung weiß, dass Kinder mit der Anlage zur Kooperation auf die Welt kommen. Und vergessen Sie nie, dass es Kindern kaum je um Noten geht. Wenn überhaupt, wünschen sie sich gute Noten (von denen es wegen des vorab erwähnten Nullsummenspiels immer nur eine begrenzte Zahl gibt). Und die sind auch nur deshalb wichtig, weil Kinder sich in der Wettbewerbsgesellschaft mit einer guten Note in der Hand von ihren Eltern und Lehrern eher gemocht und gesehen fühlen.

Kindern geht es in der Schule um Gemeinschaft, um Zugehörigkeit, Begegnung, Freundschaft, kreative Anregung, freudige Entwicklung, um Selbst- und Mitbestimmung. Setzen Sie sich, liebe Eltern, also bitte zuvorderst dafür ein, dass in unserer demokratischen Gesellschaft die Schule zu einem Ort wird, an dem all das, und nicht zuletzt auch Demokratie gelebt werden kann.

 

Zur Online-Anfrage