Lesen Sie Ihrem Kind in jedem Lebensalter vor – sofern es danach verlangt. Selbst dann, wenn es schon alt genug ist, um eigenständig zu lesen

Zum einen verstehen Kinder, die gerade das weitgehend fehlerfreie Lesen erlernt haben, die gelesenen Texte inhaltlich nur sehr unvollständig. Von dahin bis zum sinnentnehmenden Lesen ist für sie noch ein weiter Weg zu gehen, auf dem sie sich leichter tun, wenn ihnen das Folgende ermöglicht wird: Sie hören den Text, wie er von einem Erwachsenen vorgelesen wird, und verfolgen den Text parallel mit den Augen im Buch. Hinzu kommt, dass der Lernvorgang gar nicht so sehr am Textinhalt hängt. Es geht bei diesem gemeinsamen Erleben um die geteilte Aufmerksamkeit, die „shared attention“, um das Verinnerlichen der Sprachmelodie und Intonation. Sie nehmen beim Zuhören unseren Umgang mit sprachlichen Hürden in sich auf, mit Versprechern und vieles subtile Andere mehr. Das zuhörende Kind verschmilzt praktisch mit dem lesenden Erwachsenen und verinnerlicht dessen Lesestrategie zutiefst. Das Angebot dazu sollte den Kindern so lange gemacht werden, bis sie satt sind und das von sich aus nicht mehr in Anspruch nehmen.

Wählen Sie Bücher aus, die Sie selber interessieren oder Sie als Kind interessiert haben

Fragen uns Kinder, derweil wir gerade das Handelsblatt oder eine Fachzeitschrift lesen, dann gehen Sie bitte darauf ein! Das ist etwas, was sie im Moment mit Interesse lesen, und ihr Kind möchte an dieser Begeisterung teilhaben. Wenn Sie ein Mal geantwortet haben und ihre Begeisterung für das Kind erlebbar wurde, wird es bei nächster Gelegenheit wiederkommen und bei der Gelegenheit ganz nebenbei unterschiedliche Sprachstile, Schreib- und Ausdrucksweisen kennenlernen.

Lassen Sie beim Vorlesen Zwischenfragen zu

Zwischenfragen unterbrechen den Redefluss, weshalb die Kinder mitunter gebeten werden, doch bitte still zuzuhören und ihre Fragen am Ende zu stellen. Je nach Alter ist das Gedächtnis aber noch nicht so ausgereift, dass es einen Gedanken hinreichend lange zwischenspeichern kann. Zumal wenn gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf den vorgelesenen Text gerichtet ist.

Nutzen Sie deshalb lieber die Gelegenheit, sich bei dieser Gelegenheit mit Ihrem Kind über dies und das auszutauschen. Ihre Tochter oder ihr Sohn ist jetzt, derweil Sie sich gemeinsam in einer ruhigen Situation in räumlicher Nähe oder im körperlichen Kontakt befindet, zutiefst aufnahmebereit und lernfähig. Jetzt wird es genau die Punkte zur Sprache bringen, die es braucht, um den Text bestmöglich zu erfassen. Dadurch erlernt es Gesprächsführung auf eine sehr einfache und angenehme Art und Weise. Der äußere Dialog wird nach mehreren Wiederholungen verinnerlicht und ist zukünftig auch in anderen Situationen abrufbar – das hilft Ihrem Kind dann beispielsweise dabei, die diversen Vergleichs- und Jahrgangsstufentests zu bestehen. Die zielen auf die Feinheiten des Sprachverständnis ab und setzen im Grunde ein solches, sehr früh einsetzendes Üben voraus. Man muss es leider so sagen: Die Schule setzt einen solchen Dialog im Grunde voraus, denn die wenigsten Kind sind von Haus aus so sprachkompetent, dass sie auf dieses Üben nicht angewiesen sind.

Nehmen die Unterbrechungen überhand, vereinbaren Sie doch einfach ein Handzeichen, mit dem eine Zwischenfrage signalisiert wird. Sie können dann bis zum Satz- oder Absatzende fortführen, und der Fragende weiß, dass er sein Anliegen bald wird vortragen können.

Es ist völlig in Ordnung, wenn Ihr Kind weitgehend schweigsam dasitzt oder sogar abwesend wirkt

Das gilt ganz besonders für sehr junge Kinder, von denen dann schnell vermutet wird, sie verstünden ohnedies kaum ein Wort. Gehen Sie jedoch davon aus, dass in diesem Kopf gerade sehr wertvolle, intellektuelle Entwicklungs-Höchstleistungen vollbracht werden. Die Kleinen schwingen sich auf die Intonation ein, sie verinnerlichen Wortklänge, Sprachmelodien, lassen sich von der Atmosphäre des Textes einfangen, kämpfen mit aufkommenden Ängsten, werden von Freude übermannt, bezwingen ihre Ungeduld oder geben sich ganz dem Moment hin. Es findet also eine große Zahl innerlich ablaufender und schlussendlich gerade für die Sprachentwicklung enorm wichtiger Vorgänge statt, denen tunlichst Raum gelassen werden sollte.

Lesen Sie insbesondere mit Ihrem Sohn

Auch wenn sich das im Einzelfall womöglich ganz anders darstellt: Jungs scheint das Sprachliche im Mittel nicht so zuzufallen wie den Mädchen. Hinzu kommt, dass sie sich in mancherlei Hinsicht langsamer entwickeln. So kommt es, dass sie vielfach weniger lesen und sprechen als Mädchen. Wenn das im Fall Ihres Kindes tatsächlich so sein sollte, ist daraus nur ein einziger Schluss zu ziehen: Machen Sie immer wieder Lese-Angebote, suchen Sie das Gespräch, investieren Sie besonders in dieses Kind viel freudige gemeinsame Vorlesezeit!

Und falls unter den Lesern jemand mit einem Kleinkind sein sollte, …

… dann unterstützen Sie jegliche Initiative des Kindes zu malen, zu basteln oder zu kneten. Der Schreibvorgang ist eine motorisch hoch anspruchsvolles Geschehen, das durch all diese Aktivitäten notwendigerweise vorbereitet wird. Je mehr die Kinder spielerisch malen und basteln, desto leichter fallen ihnen später Stifthaltung, Auge-Hand-Koordination und desto leichter gelingt ihnen ein gut lesbares und ansprechendes Schriftbild. Die künstlerische Qualität der Bilder spielt keinerlei Rolle, weil es ja eigentlich um ganz anderes geht. Je weniger die ersten Bilder bewertet werden, desto selbstverständlicher greifen die Kleinen immer wieder zum Stift und malen, was Stift und Papier hergeben. Freuen Sie sich daran, denn ohne selber etwas tun zu müssen, können Sie später die reiche Ernte dieser spielerischen Betätigung einfahren!

 

Haben Sie noch eine Frage zu dem Thema? Dann rufen Sie bitte unter (089) 489 985 36 an oder bitten über das Kontaktformular um einen Rückruf. Wir stehen Ihnen in München zur Verfügung und nehmen uns gerne Zeit für Ihr Anliegen.

 

Zur Online-Anfrage