Wieder einmal beziehen wir uns auf einen Beitrag aus der ZEIT. In der Ausgabe vom 16. April 2014 (No. 17) wurde ein Interview mit dem Universalgelehrten George Steiner veröffentlicht. Wir lesen dort, wie dicht Über- und Unterforderung beisammen liegen können, und wie Eltern ihre Sicht der Dinge mitunter verschieben dürfen, um den Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden.

Wie Begeisterung anzustecken vermag

Iris Radisch, die das Interview führt, fragt den 85-jährigen und in Cambridge lebenden George Steiner, ob es denn stimme, dass sein Vater im Alter von sechs Jahren mit ihm Homer im Original gelesen habe. Hat man doch selten von Sechsjährigen gehört, die des Altgriechischen mächtig sind. Steiner antwortet darauf so: „Wissen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen. Die, die sich selbst interessant finden, die Armen. Und die anderen, die etwas da draußen interessanter finden. Man kann sich spezialisieren auf Nachttöpfe der Ming-Dynastie, dann ist man glücklich. Man lernt, man arbeitet daran, man sammelt. Es kann alles sein, Sport oder Kunst. Wichtig ist, dass man sich ganz klein fühlt im Vergleich zu der objektiven Phänomenologie da draußen. Für mich war Homer mit sechs Jahren die aufregendste Geschichte der Welt. Ich habe gezittert vor Aufregung!“

Glücklich die Kinder, denen ein solches Erlebnis zuteil wurde, und die in die von aller Eitelkeit befreite Leidenschaft eines Kulturbegeisterten einbezogen werden. Sie erahnen momentan die inneren, von Literatur, Musik oder bildender Kunst entfachten Stürme, die uns dem Alltäglichen immer wieder neu entheben können. Sie haben in dem Moment unmittelbar Teil am Geschehen, ohne dass sich ihnen das Intellektuelle umfänglich erschließen müsste.

Bedenkt man nun, welche Freudlosigkeit an vielen Gymnasien herrscht, dem Hort des Geistigen, der Literatur und der schönen Künste, Lehrer ihre Zeit absitzen und ihren Schülern emotionale Höhenflüge dieser Art vorenthalten, macht sich ein großes Bedauern breit.

Aber zum Glück sind Bildungsbiographien nach der letzten Schulklasse keinesfalls beendet. Für so manchen Heranwachsenden beginnt nun erst das Erlebnis „Kultur“, und sie erschließt sich ihm TROTZ der 12- bis 13-jährigen Langeweile die Kultur in ihrer genussbringenden Wirkung. Ob dies nun über die alten Griechen oder die Texte junggebliebener Alter erfolgt, wie George Steiner zweifellos einer ist, ist weniger wichtig.

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