Anmerkungen: zu ungerechten Noten und heiligem Zorn

Ungerechte Noten?

Die Benotung des eigenen Kindes in der Schule treibt Eltern mitunter in gehörigen Groll. Sie erleben die Bewertung als ungerecht, von subjektiven und folglich unzulässigen Einschätzungen des Lehrpersonals getragen. Schlussendlich können sie nicht verstehen, dass der bewertende Lehrer ihr Kind gerade auf diese, zumeist einseitige und negative Art erlebt. Umgekehrt stoßen Lehrer sich in solchen Momenten an der Liebesblindheit von Eltern, die, so ihre Wahrnehmung, offensichtliche Schwächen und unzureichenden Einsatz der eigenen Kinder schlichtweg nicht wahrhaben wollen. Kommt es zum Streit, empfiehlt auf ZEIT-Online der Lehrer Michael Felten eine besonnene Vorgehensweise. Wir wollen seine Sicht der Dinge hier kurz ergänzen.

Bei Fragen der Gerechtigkeit schwappen nicht nur die Gefühl von Schülern und Eltern gerne hoch. Das ist wohl auch deshalb der Fall, weil sich ihnen spätestens dann die eklatanten Schwächen des von Kopfnoten geprägten schulischen Bewertungssystems erschließen. Wo Fachleute längst wissen, dass Noten zur schulischen Leistungsstanderhebung weitgehend ungeeignet sind, weil sie weder valide noch reliabel und objektiv sind, glauben Eltern erstaunlich lange an die Mär von der weisen Institution, der es um die Ausbildung und Erwachsenwerdung ihres Kindes gehe. Bis sich irgendwann auch dem Letzten die nüchterne Wahrheit erschließt. Und die lautet überspitzt formuliert ungefähr so, dass Schule heute das Ziel verfolgt, möglichst kostengünstig Kinder mit einem spezifischen Profil mittels eines kontinuierlichen Selektionsprozesses von allen anderen sauber zu trennen. Im Fokus des Bemühens steht nicht die ausselektierte Mehrheit, sondern die leistungsstarke Minderheit.

Ziffernnoten als Kompromisslösung

Dass trotz aller Fragwürdigkeiten an dem Relikt der Bewertung mittels Ziffernnoten festgehalten wird, hat wohl in erster Linie ökonomische, politische und folglich auch historische Gründe. Reformen, intentional vollzogene Veränderungsprozesse, können sich im Rückblick als unbeliebt und nachteilig erweisen, sie kosten Geld und stiften bei den Beteiligten Unsicherheit. Um die Veränderung des überaus trägen Verwaltungsapparates gründlich zu durchdenken und hernach umzusetzen, fehlt es zumeist an Geduld, an der Fähigkeit, Kontroversen konstruktiv zu führen, und nicht zuletzt mangelt es am Vertrauen in die beteiligten Institutionen. So bleibt wider alle Vernunft und besseres Wissen in den Schulen seit Ewigkeiten das meiste so, wie es immer schon war. Und, wer weiß das schon zu sagen, sind wir womöglich mit kleinen, gewissermaßen evolutionären Schritten besser beraten als mit dem groß vollzogenen Wurf.

Eltern-Lehrer-Gespräche

Aber zurück in die Gegenwart und zum Dissens rund um die Notengerechtigkeit, um die Bewertung des Kindes durch seine Lehrkraft. Wir raten Eltern häufig, durchaus abweichend von der Empfehlung Michael Feltens, dem hartnäckigen Erfragen der Hintergründe zu. Widerspruch wird nicht selten auch von Lehrern gehört und als erhellend geschätzt; sofern er nicht von gar zu starken Emotionen getragen ist. Eltern sollten sachkundig auftreten und so lange nachhaken, bis der Vorgang und seine Hintergründe zweifelsfrei geklärt sind. Es gilt im Einzelfall sehr genau hinzuschauen, um die zur Debatte stehende Eindrucksbildung des Kindes beim Lehrer nachvollziehen zu können.

Die umsichtig vorgebrachte Nachfrage interessiert auftretender Eltern wird bewirken, dass die Lehrkraft ihre Entscheidung reflektieren, einer neuerlichen Prüfung unterziehen muss. Der Lehrer kommt dadurch, ist er klassischerweise doch Einzelkämpfer, mit einer zusätzlichen Perspektive in Kontakt, die für ihn sehr nützlich sein kann. Nur folgen Sie dabei bitte dieser ganz entscheidenden Richtlinie: Sprechen Sie vorwurfsFREI und ohne Anklänge von Ärger oder Gekränktheit und Verdruss. Ansonsten dürfte das Gegenüber sofort in den Verteidigungsmodus wechseln und das Gespräch ist fortan kaum mehr zu retten. Neugierde hingegen ist eine ausgezeichnete Gesprächsgrundlage. Interessiert sich jemand für uns, fühlen sich nicht nur Kinder schlagartig besser, sondern ebenso die meisten Erwachsenen.

Kontakt schafft Sympathie

Es gilt also zu verstehen, wie es passieren konnte, dass ein Mensch dieses Kind komplett anders erleben kann als man selber. Bildet dies die Gesprächsmotivation der Eltern ab, können sie getrost etwas wagen und mit Nachdruck für die Interessen ihres Kindes eintreten. Der sich dann ergebende Dialog, kann nicht nur bei den Eltern des Kindes Überraschungen zutage fördern, sondern er wird zeitgleich das Interesse des Lehrer an diesem Kind vergrößern. Und davon wiederum profitiert letzten Endes das Kind, um das sich dieses Gespräch eigentlich dreht.

 

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Von |2018-05-03T13:03:42+00:0014. April 2015|0 Kommentare

Über den Autor:

Thorsten Kerbs
Thorsten Kerbs bringt als studierter Ingenieur der Luft- und Raumfahrt einen guten Blick für Struktur und Ordnung mit. Durch seine zweite akademische Qualifikation als Klinischer Psychologe sind ihm neben der Entwicklungspsychologie auch Lern- und Lehrthemen sowie Kommunikations- und Beziehungsthemen wohl vertraut. Auf dieser fachlichen Grundlage arbeitet er, der selber Vater zweier Kinder ist, seit über 10 Jahren mit Schülern und begleitet sie durch Lernthemen von der Grundschule bis zum Studium.

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