Ohne gefühlte Sicherheit kein Lernen

Schlussfolgerndes Denken finden in der Großhirnrinde statt, in der äußeren Hülle unseres Gehirns. Diese Bereiche können wir dann einsetzen, wenn wir satt, warm, sicher und in guter Gemeinschaft sind. Deshalb lernen wir schlecht, wenn wir Stress erleben, und unser Intellekt schwingt sich zu Höchstleistungen auf, wenn wir uns prächtig fühlen.

Erfolgreiches Lernen setzt außerdem Zugehörigkeit voraus

Weil das Gehirn eigentlich ein Sozialorgan ist und seine Denkfähigkeit eigentlich nur ein Abfallprodukt der Evolution darstellt, erleben wir das so wichtige Sicherheitsgefühl nur dann, wenn wir uns in guter Gesellschaft befinden. In den rund 200.000 Jahren der Menschheitsgeschichte gab es die kürzeste Zeit geschriebene Texte, Bücher, Universitäten und theoretische Prüfungen. Die Evolution perfektionierte unser Gehirn stattdessen dafür, die Sozialdynamik in Gruppen zu erfassen und Beziehungen zu gestalten. Hing unser Überleben in einer feindlichen Umgebung voller wilder Tiere, Naturgefahren und widriger Wetterverhältnisse doch stark vom Wohlwollen der Gemeinschaft ab, deren Teil wir waren. Überlebenswichtig war es, die Signale der Gruppenmitglieder lesen, verständliche Mitteilungen geben und mit anderen einen Konsens finden, Kompromisse eingehen zu können. Denn die Wissenschaft ist sich heute einig, dass der Erfolg des Homo sapiens auf seine besondere Fähigkeit zur Kooperation gründet. Und dafür brauchte es das enorm große Gehirn, durch das wir uns von allen anderen biologischen Arten auf der Welt unterscheiden.

Wenn in unserer sozialen Gruppe alles stimmt, können wir dieses Gehirn sogar für andere Aufgaben einsetzen. Solche, wie es beispielsweise die höheren Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens sind.

Die Konkurrenzsituation in der Schule

In unseren Schulen spielt Konkurrenz eine große Rolle. In der zweiten Klasse werden Noten eingeführt, um einen Bewertungsmaßstab zur Verfügung zu haben. Der ist nicht nur ein Instrument, um den Kindern Rückmeldung über ihren Leistungsstand geben zu können. In erster Linie dienen Noten dazu, Kinder Gruppen zuordnen zu können, die sich durch möglichst gleiche Leistungsniveaus auszeichnen. In der vierten Klasse entscheidet sich dann, welcher der vier Gruppen die Grundschüler zugerechnet werden: den Sonderschülern, Hauptschülern (in Bayern: Mittelschülern), Realschülern oder den Gymnasiasten. Weil diese Zuordnung gleichzeitig mit Zugangsprivilegien verbunden sind, versuchen möglichst viele Eltern, ihre Kinder in der leistungsstärksten Gruppe mit den meisten Privilegien unterzubringen.

Für die die Kinder hat diese Trennung (Selektion) in unterschiedliche Lerngruppen gleich mehrere Nachteile. Sie verlieren in einer Phase, in der sie gerade engere Beziehungen zu Gleichaltrigen knüpfen, ihr Bezugssystem aus Freunden und Lehrern. Vorher standen sie unter dem Stress, ob sie es in die Gruppe schaffen, die sie und ihre Eltern sich gewünscht hatten. Und schlussendlich müssen die vielen Kindern, denen mit einer nachteiligen Einstufung Privilegien entzogen wurden, mit dieser Selbstwertkrise klar kommen.

Deutschland stellt mit dieser frühen Trennung der Kinder in Europa und weltweit eine Ausnahme dar, die sich sachlich nicht begründen lässt und in erster Linie auf ein überkommenes Klassendenken zurückgeht. Das sich übrigens auch für die leistungsstärkeren Kinder nachteilig auswirkt. Zu diesen Belastungsfaktoren kommen nun noch weitere hinzu, wie wir im folgenden sehen werden.

Emotionale Belastungsfaktoren für Kinder

Isolation durch Corona

Die Coronapandemie machte es erforderlich, dass Kinder einer für sie einschneidenden Isolation ausgesetzt wurden. Sie dürften nicht in die Schule gehen, sie durften ihre Freunde nicht treffen und sie durften auch ihre Großeltern nicht sehen, um deren Gesundheit nicht zu gefährden. Die Auswirkungen dieser Isolation können alle Eltern beobachten, deren Kinder sich tatsächlich an die Vorgaben gehalten haben. Die jungen Leute wurden leise, zogen sich auch innerhalb der Familie zurück und verbrachten mehr Zeit mit digitalen Geräten. Eine langfristige Schwierigkeit ist die, dass ein Rückzug, an den man sich gewöhnt hat, schwer wieder rückgängig zu machen ist. Eltern müssen womöglich aktiv gegen diese Tendenz zur Isolation anarbeiten, was nicht immer ohne Konflikte abläuft.

Angstquelle Krieg

Der Ukraine-Krieg mitten in Europa schockiert in erster Linie die Erwachsenen. Kinder spüren die Veränderung der emotionalen Verfassung ihrer erwachsenen Umgebung, was sich zum zweiten Mal in wenigen Jahren vollzieht. Wenn nun Eltern und Lehrer in existenzielle Angstzustände geraten (und sei es nur unterschwellig), weil sie sich von einem Virus oder einem psychopathischen Aggressor bedroht sehen, übertragen sich diese Gefühle auf die Kinder. Ohne dass die diese Gefühle in der Art und Weise einordnen und bewältigen können, wie das uns Großen möglich ist. Sie können kein Quellenstudium betreiben, sie können keine klugen Podcasts zum Thema hören oder sich über die Natur ihrer Gefühl mit guten Freunden austauschen. Sie hängen von den Bewältigungsmechanismen ihrer Eltern und Lehrer ab. Wenn die ihr Gefühlsleben sortiert bekommen, wirkt sich das wieder beruhigend auf die Kleinen aus. Gelingt ihnen das nicht, bleibt der Stresspegel hoch.

Was Kindern hilft und sie beruhigt

Kinder empfinden Sicherheit, wenn sie von ihren Erwachsenen Bezugspersonen so viel Aufmerksamkeit (in der richtigen Qualität) bekommen, wie sie das im jeweiligen Moment brauchen. Wenn sie im Kontakt ein Entgegenkommen erleben und ihre inneren Bedürfnisse (nicht die oberflächlichen) Berücksichtigung finden, löst das in ihnen Entspannung aus. Sie müssen also das Gefühl haben, die Gemeinschaft mitgestalten zu können und für die so bedeutsam zu sein, dass man sich ihnen auch in schwierigen Zeiten zuwendet. Das Bedürfnis ist in jüngeren Jahren natürlich stärker ausgeprägt als in späteren. Was damit zusammenhängt, dass die Hilflosigkeit kleiner Kinder deutlich ausgeprägter ist als die von älteren.

Die Rolle der Nachhilfe

Wenden wir uns nun der Frage zu, was das für eine professionell aufgestellte Nachhilfe bedeutet. Die sollte genau das leisten, was im vorangegangenen Absatz beschrieben wird. Noch stärker als das vor den großen Krisen der Gegenwart der Fall war, ist es die Aufgabe von Nachhilfe, auf das Wissen um die entwicklungspsychologischen Rahmenbedingungen aufzubauen. Schülern sollte ein Raum geboten werden, in dem auf ihre intellektuellen entwicklungswünsche individuell eingegangen wird: Indem der Lernvorgang um das dialogische Element ergänzt wird, das im schulischen Raum fehlt. Indem die Lehrkräfte in ihrer Eigenschaft als pädagogisches Gegenüber ansprechbar sind. Indem die trocken-theoretisch und isoliert dargebotenen Lerninhalte (im Unterrichtsgespräch) in einen sinnhaften Zusammenhang eingebettet werden. Mit diesen Elementen stellt die Nachhilfe für die Schülerinnen und Schüler kein Zeitraub dar, sondern sie steht gleich in mehrerlei Hinsicht für einen persönlichen Zugewinn.

 

 

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